Soziales
Kinderarmut in Deutschland steigt durch Flüchtlingszuwanderung
Studie: Fast jedes zweite zugewanderte Kind lebt in Armut
Düsseldorf, Berlin (epd). In Deutschland wachsen einer Studie zufolge wieder mehr Kinder in Armut auf. Die Kinderarmutsquote stieg im Jahr 2015 im Vergleich zum Vorjahr um 0,7 Prozentpunkte auf 19,7 Prozent, wie eine am Dienstag in Düsseldorf veröffentlichte Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung ergab. Der Anstieg beruhe überwiegend auf der Zuwanderung von Jungen und Mädchen, die als Flüchtlinge meist unter der Armutsgrenze lebten. Oppositionspolitiker forderten von der Bundesregierung mehr Einsatz gegen Kinderarmut.

Für die Studie hat das Forschungsinstitut der gewerkschaftsnahen Stiftung nach eigenen Angaben die neuesten Daten aus dem Mikrozensus ausgewertet, die sich auf das Jahr 2015 beziehen. Demnach lag die Zahl der in Armut liegenden Kinder im Jahr 2005 noch bei 2,82 Millionen und sank bis 2010 auf 2,38 Millionen. Bis 2014 wuchs sie wieder auf 2,47 Millionen an und stieg bis 2015 weiter auf rund 2,55 Millionen.

Die Armutsquote unter Kindern, die selbst nach Deutschland eingewandert sind, stieg laut der Studie von 35,7 Prozent im Jahr 2011 auf 48,9 Prozent im Jahr 2015. Dagegen habe sich das Armutsrisiko von Jungen und Mädchen mit Migrationshintergrund, die in Deutschland geboren wurden, kaum verändert, hieß es. Im Jahr 2015 galten 28,9 Prozent von ihnen als arm. Bei Kindern und Jugendlichen ohne Migrationshintergrund ging die Armutsquote zuletzt von 13,7 auf 13,5 Prozent zurück.

"Der Anstieg der Kinderarmut durch die Flüchtlingseinwanderung ist damit an den einheimischen Kindern spurlos vorübergegangen", sagte der WSI-Sozialexperte Eric Seils. Mit Blick auf die Flüchtlingskinder gelte es, die Eltern in Arbeit zu bringen, um den Familien langfristig ein Leben über der Armutsgrenze zu ermöglichen.

Den größten Einfluss auf die Entwicklung der Kinderarmut hat nach Angaben der Studienautoren die Situation am Arbeitsmarkt. Aber auch Alleinerziehende und ihre Kinder sowie Familien mit Migrationshintergrund hätten ein erhöhtes Armutsrisiko, hieß es. Als arm gelten Kinder aus Haushalten, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des bedarfsgewichteten mittleren Einkommens beträgt. Bei einer Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren sind das weniger als 1.978 Euro im Monat.

Am höchsten ist die Kinderarmutsquote mit 34,2 Prozent in Bremen, gefolgt von Berlin (29,8 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (29 Prozent). Mit Abstand am niedrigsten ist sie in Bayern (12,3 Prozent) und Baden-Württemberg (13,4 Prozent). Während der Anteil der Kinder, die in Armut aufwachsen, in 13 von 16 Bundesländern gestiegen ist, sank er in Nordrhein-Westfalen von 23,6 auf 22,9 Prozent. Gesunken ist die Kinderarmutsquote auch in Rheinland-Pfalz um 0,5 sowie in Sachsen-Anhalt um 1,5 Prozentpunkte.

Die Grünen-Politikerin Franziska Brantner forderte die Bundesregierung auf, mehr Geld zur Bekämpfung von Kinderarmut auszugeben. Der finanzielle Spielraum sei vorhanden. "Anstatt weiter an der schwarzen Null festzuhalten, müssen Kinder endlich effektiv vor Armut und sozialer Ausgrenzung bewahrt werden", forderte die familienpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion am Dienstag in Berlin.

Der jugendpolitische Sprecher der Linken-Fraktion, Norbert Müller, kritisierte, dass Flüchtlingskinder in "staatlich verordneter Armut" leben müssten. "Bei der Bekämpfung von Kinderarmut darf nicht unterschieden werden", betonte Müller.