Soziales
Jugendliche aus ärmeren Familien machen seltener Musik
Experten fordern mehr Angebote für benachteiligte Jugendliche
Gütersloh (epd). Jugendliche aus ärmeren Elternhäusern machen laut einer aktuellen Studie seltener Musik als ihre Altersgenossen aus besseren Verhältnissen. Die soziale Ungleichheit des deutschen Bildungssystems setze sich in der musikalischen Bildung fort, erklärte die Bertelsmann Stiftung in Gütersloh. Benachteiligt seien auch Jugendliche aus Migrantenfamilien. Insgesamt steigt in Deutschland jedoch die Zahl Jugendlicher, die selber Musik machen.

Hat der Vater Abitur, verdoppele sich die Wahrscheinlichkeit, dass ein Jugendlicher ein Instrument spiele oder singe, erklärte die Bertelsmann Stiftung. Auch die Schulform beeinflusst der Studie zufolge die musikalische Bildung. Bei einem Jugendlichen, der kein Gymnasium besucht, sinke die Wahrscheinlichkeit des Musikmachens um die Hälfte.

Im Vergleich zu anderen Schülern beginnen Gymnasiasten im Durchschnitt bereits mit acht Jahren mit dem Musikmachen, Jugendliche aus anderen Schulformen zwei Jahre später. Gymnasiasten seien doppelt so häufig im Chor und Orchester der Schule (33 Prozent zu 16 Prozent). Zudem erhielten sie häufiger bezahlten Musikunterricht (28 Prozent zu zehn Prozent).

Die soziale Schere zeige sich vor allem beim bezahlten Musikunterricht für Gesang oder ein Musikinstrument, erklärte die Stiftung weiter. Etwa jeder dritte Jugendliche aus Haushalten mit mehr als 30.000 Euro Jahresnetto-Einkommen erhalte bezahlten Musikunterricht. Bei Haushalten mit niedrigem Einkommen und Bildungsstatus (unter 15.000 Euro Jahresnetto) sei es gerade einmal jeder zwölfte Jugendliche.

Insgesamt machen in den vergangenen 15 Jahren laut der Studie immer mehr Jugendliche aktiv Musik. In den Jahren von 2001 bis 2005 war lediglich jeder Fünfte (19 Prozent) in dem Bereich aktiv. Im Jahr 2015 war es fast jeder Dritte (29 Prozent). Dieser Aufwärtstrend gehe jedoch an Jungen und Mädchen aus den einkommensschwächsten Haushalten eher vorbei, hieß es.

Insgesamt macht rund ein Viertel der 17-Jährigen in Deutschland Musik (24 Prozent). Mehr als die Hälfte von ihnen (53 Prozent) macht überwiegend Rock-, Pop-, Hip-Hop- und Technomusik. 27 Prozent spielen klassische Musik und 20 Prozent Unterhaltungs- und Volksmusik.

Gemeinsames Singen und Musizieren fördere Werte wie Gemeinschaft, Zusammengehörigkeitsgefühl und Toleranz, sagte die stellvertretende Vorsitzende der Bertelsmann Stiftung, Liz Mohn. "Daher sollte es nicht vom Bildungsstatus oder dem Einkommen der Eltern abhängen, ob ein junger Mensch ein Instrument spielt oder im Chor singt."

Die Bertelsmann Stiftung und der Deutsche Musikrat mahnten mehr Anstrengungen an, um benachteiligte Jugendliche stärker einzubinden. Ganztagsschulen aller Schulformen würden dazu besondere Möglichkeiten bieten. Zur Finanzierung dieser Angebote sollten Fördermittel, die im Bildungs- und Teilhabepaket des Bundessozialministeriums nicht abgerufen werden, den Kommunen flexibel zur Verfügung gestellt werden.

Für die Studie wertete die Stiftung Daten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) aus, das den Angaben nach seit 2001 rund 6.250 Jugendliche im Alter von 17 Jahren befragt hat.