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Journalist Dündar gegen Abbruch der Beitrittsgespräche mit Türkei
Dortmund (epd). Der türkische Journalist und Regierungskritiker Can Dündar warnt davor, die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei abzubrechen. Gerade jetzt müssten die demokratischen und rechtsstaatlichen Kräfte unterstützt werden, die die Türkei in der "europäischen Familie halten wollen", sagte Dündar auf einer Diskussionsveranstaltung in Dortmund. Ansonsten spiele Europa Präsident Recep Tayyip Erdogan in die Hände, der sich vom Westen entfernen und den Ländern des Ostens und der islamischen Welt zuwenden wolle.

Der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hatte im TV-Duell ein Ende der Beitrittsgespräche mit der Türkei gefordert. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich zurückhaltender geäußert, aber auch gesagt, sie sehe einen EU-Beitritt der Türkei nicht.

Der frühere Chefredakteur der türkischen Zeitung "Cumhuriyet" kritisierte auf dem Campfire-Festival des Instituts für Journalistik der TU Dortmund und des Rechercheportals "Correctiv", die Bundesregierung habe keine klare Linie in ihrer Türkeipolitik. Dadurch sei es Erdogan möglich, die Spielregeln in den Beziehungen zwischen beiden Staaten festzulegen. Nach Ansicht von Dündar kämpft in der Türkei "derzeit mehr als die Hälfte der Gesellschaft" gegen den Präsidenten. Doch das werde hierzulande viel zu wenig wahrgenommen. Beispielsweise habe "der größte Marsch in der Geschichte des Landes" von Ankara nach Istanbul, den die Oppositionspartei CHP organisierte, nur ein vergleichsweise geringes Echo in den deutschen Medien gefunden.

Wenn in Deutschland zahlreiche türkischstämmige Bürger Erdogan in Schutz nehmen, dann spielten auch emotionale Gründe eine Rolle, betonte Dündar. Er forderte dazu auf, sich bewusstzumachen, was es bedeute, wenn das eigene Heimatland ständig in der Kritik stehe und für negative Schlagzeilen sorge.

Die nordrhein-westfälische Integrationsstaatssekretärin Serap Güler (CDU) sagte, die Entwicklung der vergangenen Jahre habe bei türkischstämmigen Bürgern den Eindruck erweckt, als wolle Deutschland oder auch die EU der Türkei schaden. Der Europäischen Union warf sie vor, in der Frage der Beitrittsverhandlungen nicht ehrlich mit dem Land umgegangen zu sein. Doch das sei keine Erklärung für Erdogans politische Vorgehensweise. Mittlerweile sei die Türkei eines der größten Gefängnisse der Welt für Journalisten, sagte Güler. Der Staat verwandele sich immer mehr in ein autoritäres Regime.