Kultur
Historiker: Künstlerin Rosemarie Koczy hat keine jüdischen Vorfahren
"Ein trauriger, tragischer Fall"
Recklinghausen (epd). Die Recklinghäuser Künstlerin Rosemarie Koczy (1939-2007) hat entgegen ihrer eigenen Darstellung keine jüdischen Vorfahren. Die Familie Koczys stammt dem Historiker Matthias Kordes zufolge aus Oberschlesien und Olpe. Die väterliche Seite sei für den Ruhrgebietsbergbau in die Region migriert, sagte der Leiter des Instituts für Stadtgeschichte und des Stadt- und Vestischen Archivs am Mittwoch dem Evangelischen Pressedienst (epd). Hinweise auf die von ihr selbst behauptete ungarisch-jüdische Abstammung gebe es weder in Recklinghausen noch im Holocaust-Archiv. "Sie kommt aus einer normalen römisch-katholischen Familie", betonte Kordes.

Die Fälschung ihrer Vita war anlässlich der aktuellen Kunstausstellung zu ihrem Werk aufgefallen. Im Online-Gedenkbuch der Stadt habe es keine Daten zu Koczy gegeben, erklärte Kordes. Der Mitverfasser des Gedenkbuchs und erste Beigeordnete der Stadt Recklinghausen, Georg Möllers, habe daraufhin die Recherche über die Vita der Künstlerin initiiert. Das "Recklinghäuser Gedenkbuch" hat unter anderem zum Ziel die biografischen Daten und Lebensschicksale von NS-Holocaust-Opfern abzubilden.

Nach Koczys gefälschtem Lebenslauf war sie 1942 zunächst nach Traunstein, eine Außenstelle des Konzentrationslagers Dachau deportiert worden. Anschließend hatte sie demnach auch die Zeit in der KZ-Außenstelle Ottenhausen-Saarbrücken überlebt.

"Wir konnten ihre Familiengeschichte bis in die Großelterngeneration zurückverfolgen", sagte der Archivar. Hätte sie jüdische Wurzeln, hätte ein Eintrag im Melderegister anzeigen müssen, dass die Familie über Dortmund nach Riga und somit in ein Konzentrationslager gebracht worden wäre. Fehlerquoten seien in Melderegistern nur minimal. Wenn es Fehler gebe, handele es sich höchstens um Datumsfehler, betonte Kordes.

Vielmehr gebe es in den Archiven Hinweise darauf, dass die Familie aus Recklinghausen weggezogen und die Kinder in Pflegeheimen gelandet seien, sagte der Historiker. Zudem sei der Vater nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr zurückgekehrt und 1950 für tot erklärt worden.

Bei Rosemarie Koczy handle es sich um einen "traurigen, tragischen Fall", sagte Kordes. Die Erfahrungen im Heim hätten möglicherweise traumatische Erlebnisse nach sich gezogen, so dass sie sich eine solche Identität mit jüdischer Familiengeschichte erschaffen habe. Sie mache nicht den Eindruck, dass sie aus Geschäftsgründen gehandelt habe, um ihre Kunst besser zu verkaufen. Vielmehr habe sie später wohl selbst ihre Lebenslüge als wahrhaftig angesehen.

Kordes nahm am Mittwochabend auch noch an einer Podiumsdiskussion unter dem Titel "Projektionen einer Identität" teil. Neben dem Leben und dem künstlerischen Werk Koczys sollte es auch um die Recherchen zu ihrer Person und die Verwendbarkeit von Zeitzeugenberichten für Historiker gehen.

Die Kunsthalle Recklinghausen zeigt noch bis zum 29. November über 100 Werke der Recklinghäuser Künstlerin. Koczys Werke wurden in zahlreichen Ausstellungen in Deutschland, der Schweiz, den USA, Japan und Israel gezeigt. Sie finden sich unter anderem im Solomon R. Guggenheim Museum in New York, der Peggy Guggenheim Collection in Venedig, der Collection de l'Art Brut in Lausanne sowie in den Gedenkstätten Buchenwald und Yad Vashem in Jerusalem.