Kultur
Heinrich Boell um das Jahr 1959 auf einer Aufnahme des Koelner Fotografen Carl-Heinz Hargesheimer ("Chargesheimer").
© epd-West / Carl-Heinz Hargesheimer (Charges
Heinrich Böll und die Kamera
Foto-Ausstellung zum 100. Geburtstag im Museum Ludwig
Köln (epd). Heinrich Bölls Erfahrungen mit der Kamera waren nicht ungetrübt. "Die Fotografen waren ihm oft lästig", erinnert sich sein Sohn, René Böll, an die Zeit, als sein Vater Prominentenstatus erlangt hatte. Dennoch spielte die Fotografie für sein literarisches Schaffen eine wichtige Rolle. Das vielschichtige Verhältnis des Literatur-Nobelpreisträgers zur Fotografie dokumentiert die Ausstellung "Die humane Kamera. Heinrich Böll und die Fotografie".

Bis zum 7. Januar sind im Kölner Museum Ludwig rund 50 Fotografien, aber auch Text- und Filmdokumente zu sehen, die einen bislang wenig beachteten Aspekt im Werk des Schriftstellers beleuchten. Für insgesamt neun Fotobildbände verfasste Böll (1917-1985) Texte. Neben Originalfotos aus diesen Bänden können Besucher in den Büchern blättern.

Für allein drei Bildbände arbeitete Böll, dessen Geburtstag sich am 21. Dezember zum 100. Mal jährt, Ende der 50er Jahre mit dem Kölner Fotografen Chargesheimer zusammen. Die Fotos zeigen die Motive, über die Böll in seinen Romanen schreibt: Alltägliches und wenig Beachtetes, Kriegsschäden, Kleinbürgertum und Menschen, die hart arbeiten. So reist Böll zusammen mit Chargesheimer ins Ruhrgebiet, setzt sich dort in die Kneipen, fährt in Kohlegruben oder besucht Arbeitersiedlungen.

"Da riecht es nach Hütte und Kohlestaub, nach Abgasen der Kokereien, nach Dämpfen der Chemie - und es riecht nach Macht", schreibt er später. Der Bildband "Im Ruhrgebiet" stieß denn auch auf Protest, weil er kein Idyll, sondern die Realität der kleinen Leute beschreibt: Das Gesicht eines Kumpels im Dunkel eines Schachtes oder die Enge einer Arbeitersiedlung.

Der Kölner Schriftsteller begleitete jedoch nicht nur Fotos mit seinen Texten. Er nutzte die Fotografie auch als Hilfsmittel für sein literarisches Schaffen. "Böll war ein Augenmensch", erklärt Ausstellungs-Kuratorin Miriam Halwani. Das genaue Sehen und Beobachten war für ihn Voraussetzung seiner schriftstellerischen Tätigkeit. "Ein gutes Auge gehört zum Handwerkszeug des Schriftstellers", schreibt Böll 1952. Analog dazu hängt über seinem Schreibtisch eine medizinische Tafel zur Augendiagnose, die sein Sohn wieder ausfindig gemacht und für die Ausstellung zur Verfügung gestellt hat.

Heinrich Böll selbst sei ein schlechter Fotograf gewesen, berichtet René Böll. Für seinen letzten Roman "Frauen vor Flusslandschaft" ließ er deshalb seinen Sohn Fotos der literarischen Schauplätze im Bonner Ortsteil Plittersdorf aufnehmen. "Er hatte genau aufgeschrieben, welche Straßen ich fotografieren sollte." Sein Vater habe die Schauplätze nicht originalgetreu in dem Roman abgebildet. Aber er habe sich davon inspirieren lassen. So findet sich im Roman etwa ein altes Gartentor zu einem verwilderten Garten, wie es der Sohn fotografierte.

Böll begriff Fotografie und literarisches Schreiben als analoge Prozesse. So wenig wie der Autor die Wirklichkeit "nimmt", sondern sie "schafft", so wenig sei die Fotografie "wirklichkeitsgetreu", schreibt er. Denn schließlich wähle auch der Fotograf den Bildausschnitt aus und das reproduzierte Bild unterlaufe zuvor chemische Prozesse.

Böll hat eine für seine Zeit erstaunlich kritische Haltung zur Fotografie. In seinem Katalog-Text "Die humane Kamera" zur Weltausstellung der Photographie 1964 warnt er vor der "Täuschung objektiver Wirklichkeit" durch die Fotografie und vor der Verletzung der Privatsphäre. "Wenn technisch perfektes Photographieren in jedermanns Hand gegeben ist, ist Orwells Großer Bruder ja fast allgegenwärtig." Eine Äußerung, die erstaunlich gut in unsere Zeit passe, meint Halwani.

Von dem vernichtenden Potenzial der Fotografie erzählt 1974 Bölls Roman "Die verlorene Ehre der Katharina Blum", dessen Protagonistin von der Boulevardpresse in Wort und Bild ihrer Würde beraubt wird. Die Ausstellung zeigt Aufnahmen aus der Verfilmung des Romans.

Kein Wunder, dass Böll selbst sich nicht gerne fotografieren ließ. Doch sein Verlag und seine Prominenz forderten immer wieder Bilder von dem Autor. Irgendwie müssten moderne Schriftsteller mit der "verrückten publicity" fertig werden, erkannte Böll. Deshalb gestattete er hin und wieder Fotografen, Aufnahmen von ihm zu machen. Die Ausstellung zeigt unter anderem Fotos aus zwei Porträt-Bildbänden über Böll von Heinz Held.

Da Böll mit dem Fotografen befreundet war, konnte dieser den Schriftsteller auch in seinem privaten Umfeld aufnehmen, etwa am Schreibtisch oder im Wohnzimmer. Aus dem Nachlass Helds präsentiert die Ausstellung erstmals eine Auswahl dieser Fotos.

Von Claudia Rometsch