Soziales
Forensik-Experte beklagt zunehmende Fehlbelegungen
Dortmund/Münster (epd). Im Maßregelvollzug landen nach Einschätzung von Forensikexperten zunehmend Straftäter, die nicht in eine Therapie gehören. Zu schnell würden zu viele Straftäter forensischen Suchtkliniken zugewiesen, bei denen ein Suchtproblem nur vordergründig die Taten beeinflusst habe, beklagte der Maßregelvollzugsdezernent des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL), Tilmann Hollweg, am Mittwoch in Dortmund. "Für primär kriminelle und voll schuldfähige, aber kaum therapiebereite Täter ist hier die Schleuse zu weit offen", kritisierte er. Nötig seien "dringend engere gesetzliche Zugangsregelungen".

Fehlplatzierungen verschärften nicht nur den Belegungsdruck allgemein in den Forensik-Kliniken, erklärte Hollweg. Es gebe auch zunehmend therapeutisch-atmosphärische Probleme. Ein Jahrzehnt nach der bundesweiten Reform des Unterbringungsparagrafen für Suchtkranke im Maßregelvollzug sei das Ziel einer besseren Nutzung der Platzkapazitäten in sein Gegenteil umgeschlagen.

Der Anteil der Patienten, die vom Gericht als voll schuldfähig eingestuft worden seien und trotzdem in eine Suchtklinik des Maßregelvollzuges eingewiesen würden, habe sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht, erklärte der LWL-Experte. "Hier haben es die Ärzte und Therapeuten zunehmend mit vorwiegend kriminellen Menschen zu tun, die nebenher auch Suchtmittel konsumieren", sagte Hollweg. Diese seien nicht mehr "klassische Suchtpatienten, die mit einiger Wahrscheinlichkeit erfolgreich behandelt werden können".

Allein in den beiden forensischen Suchtfachkliniken des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe in Stemwede-Haldem und Marsberg hätte sich die die Zahl der gerichtlich angeordneten Zuweisungen in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt, sagte Hollweg weiter. Sie stiegen von 132 im Jahr 2007 auf 245 Patienten im Jahr 2016. Von den insgesamt 1.200 Patienten in sechs westfälischen Maßregelvollzugseinrichtungen des LWL sind 444 nach dem sogenannten "Suchtparagrafen" des Strafgesetzbuches untergebracht.