Kirche
Ex-Verfassungsrichter Di Fabio
Ex-Verfassungsrichter Di Fabio: Demokratie mehr mit Leben füllen
Bedeutung der Reformation für moderne Gesellschaft gewürdigt
Schwerte (epd). Die tolerante und freie Gesellschaft muss nach Ansicht des ehemaligen Verfassungsrichters Udo Di Fabio stärker mit Leben gefüllt werden, um die Demokratie vor ihren Feinden zu schützen. Die Faszination des freiheitlichen Gesellschaftssystems sei trotz der wirtschaftlichen Stärke des Westens in eine Krise geraten, sagte Di Fabio in Schwerte. Auch die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Annette Kurschus, warnte vor einem Verlust der freiheitlichen Gesellschaft. Freiheit als Gesellschaftsmodell und als Erbe von Reformation und Aufklärung könne auch verloren gehen, warnte die Theologin.

Nach Di Fabios Einschätzung sind die "Herausforderer der Freiheit und Toleranz" stärker geworden. Als Beispiele nannte der Jurist China, das noch immer eine Diktatur sei, und die Annexion der Krim durch Russland. Dass Frieden und Freiheit in Europa nicht sicher seien, zeigten auch die Entwicklungen in Polen, Ungarn und Rumänien. Selbst die USA erlebten eine tiefe kulturelle Kluft.

Die freiheitliche Demokratie bezeichnete Di Fabio als konkurrenzlos. Sie setze sich aber nicht von alleine durch, sondern müsse mit Leben gefüllt werden. "Die Faszination des westlichen Weltbildes muss wieder plastischer gemacht werden", sagte Di Fabio auf einer Tagung der evangelischen Landeskirchen in Nordrhein-Westfalen zum Verhältnis von Religion und Staat. "Wer für seine Identität etwas tun will, der muss sie zeigen und vorleben."

Di Fabio hob in seinem Vortrag vor rund 120 Vertretern von Politik und Kirchen die kulturelle Prägekraft der Reformation vor 500 Jahren hervor. Die "Individualisierung des Glaubens" durch Martin Luther (1483-1546) sei eine bis heute wirksame Epochenzäsur gewesen. Sie habe der Idee individueller Freiheit enorme Kraft gegeben und dadurch den späteren Weg zu kollektiver Selbstbestimmung und Demokratie mit geebnet.

Die heutige Einwanderungsgesellschaft kann nach Di Fabios Worten von der Reformation lernen, dass Menschen nicht als Objekte betrachtet werden: "Ein Fremder kann aus einer anderen Kultur kommen und wir werden ihn nicht einfach umerziehen können." Für eine tolerante und freie Gesellschaft könne nur geworben werden. Es sei nötig, "den Anderen auch in seiner Sperrigkeit als Subjekt zu achten und uns selbst besser zu erklären", sagte Di Fabio, der von 1999 bis 2011 Richter des Bundesverfassungsgerichts war.

Präses Kurschus sagte zu den Bedrohungen der Freiheit, dazu gehörten "die Zerrbilder beziehungsloser Individualität und die Fratzen rücksichtsloser Selbstoptimierung auf Kosten anderer". Auf der anderen Seite sei es auch bedenklich, wenn "die personale Identität als Einbindung in die Kollektive von Klasse, Rasse, Nation, Kultur oder auch Religion konstruiert" werde.

Die Reformation stehe an der Wiege des neuzeitlichen Pluralismus und der weltanschaulichen Vielfalt, sagte die leitende Theologin der westfälischen Kirche: "Sie hatte entscheidenden Einfluss auf die Mentalitäts-, Rechts-, Ideen- und Institutionengeschichte, in denen wir stehen." Zwar sei Luthers Sicht auf den Einzelnen noch weit entfernt gewesen von dem autonomen und selbstbestimmten Subjekt der Neuzeit. Mit seiner Konzentration auf die Bibel, die jeder Gläubige selbst lesen und deuten kann, habe er aber "den Geist aus der Flasche" gelassen und auch Verständnisse von Bibel und Welt ermöglicht, die nicht seiner eigenen Auffassung entsprachen.