Kultur
Das Gemaelde "Gewitter ueber Dordrecht" (1645) von Aelbert Cuyp ist ab 01.06.2017 im Wallraf-Richartz-Museum in Koeln zu sehen (Stiftung Sammlung E.G. Buehrle Zuerich).
© Wallraf-Richartz-Museum / Wallraf-Richartz-Museum
Der Himmel über Holland
Wallraf-Richartz-Museum zeigt Naturbilder niederländischer Meister
Köln (epd). Den ganzen Tag über hatte drückende Hitze die Menschen im Hafen von Dordrecht schwitzen lassen. Doch nun beendet eine Kaltfront von Nordwesten das Hitzeintermezzo mit einem Gewitter. Ein heller, zuckender Blitz durchschneidet die dunklen Wolkentürme auf dem Gemälde von Aelbert Cuyp - nach Ansicht von Franz Molé vom Deutschen Wetterdienst ein durchaus realistisches Szenario, ähnlich der Wetterlage in großen Teilen Deutschlands in dieser Woche.

Das Kölner Wallraf-Richartz-Museum ließ Landschaftsbilder niederländischer Meister des 17. Jahrhunderts von Wetterexperten begutachten. Und die kamen zu dem Ergebnis, dass die Künstler Wetterereignisse und Wolkenformationen erstaunlich naturgetreu dargestellt haben. 20 Beispiele für die Bedeutung von Himmel und Wetter in der niederländischen Malerei des Barock zeigt nun die Ausstellung "Heiter bis wolkig. Naturschauspiele in der niederländischen Malerei" bis zum 4. Februar. Die Gemälde aus der Zeit vom späten 16. bis späten 17. Jahrhundert stehen für eine Epoche, in der niederländische Künstler die Landschaftsmalerei revolutionierten.

"Maler wie Aelbert Cuyp, Ludolf Backhuyzen, Jacob van Ruisdael oder Jan van Goyen bedienten mit ihren Landschaftsbildern die Nachfrage bürgerlicher Kreise, die Landschaften wiederfinden wollten, die sie kannten", erklärt Kuratorin Anja Sevcik. Im 17. Jahrhundert boomen die niederländischen Städte infolge der Industrialisierung. 60 Prozent der Bevölkerung leben in den dicht besiedelten holländischen Metropolen.

In der Enge der städtischen Gassen erwacht in vielen Menschen die Sehnsucht nach der Natur und der Weite des Himmels. Das aufstrebende Bürgertum konnte es sich leisten, den Blick in die Natur in Form von Gemälden ins Haus zu holen. Maler lieferten ein reiches Angebot an entsprechenden Werken. "Es gab viel Konkurrenz und das förderte die Qualität", sagt Sevcik. Zudem entstanden Spezialisierungen auf dem Kunstmarkt. Künstler konzentrierten sich zum Beispiel auf Strandbilder wie etwa Jan van Goyen oder auf Marine-Malerei wie Ludolf Backhuyzen.

Dabei erneuerten die niederländischen Künstler die Landschaftsmalerei. Es war mehr als bloße Befriedigung von Nachfrage, die sie in ihrem Schaffen antrieb. In der realistischen Darstellung von Quellwolken, Gewitterfronten und sturmgepeitschten Wellen zeigt sich auch ein neues künstlerisches Selbstbewusstsein.

Erstmals steht die Landschaft für sich selbst und nicht als Kulisse mythologischer oder biblischer Darstellungen. Den Unterschied macht die Ausstellung deutlich durch ein Gemälde Marten Rijckaerts, dessen "Landschaft mit dem Sturz des Ikarus" (1620-1630) im Vergleich zu den naturgetreuen Bildern seiner Kollegen rückwärtsgewandt wirkt. Hier dient die Landschaft als bloße Folie für den Mythos des ins Meer stürzenden Ikarus, der der Sonne zu nahe gekommen war: Eine Warnung vor Selbstüberschätzung des Menschen.

Die neue Garde der niederländischen Maler im 17. Jahrhundert hatte kein Interesse mehr an moralischen Botschaften. Sie konzentrierten sich auf die genaue Beobachtung der Natur, um sie in ihrer beeindruckenden Größe wirkungsvoll in Szene zu setzen und für den Transport von Stimmungen zu nutzen. So sind die Wolkenbänke in Jacob van Ruisdaels "Fachwerkhaus am Bach" (1650-1655) oder die Quellwolken in Backhuyzens "Boote auf der Zuidersee vor Noorden" (1660-1663) mit meteorologischer Genauigkeit gemalt.

Damit waren die Maler gleichsam ihrer Zeit voraus. Erst mehr als 100 Jahre später sollte sich ein Forscher mit ähnlicher Intensität für Wolkenformationen interessieren. Der Londoner Apotheker und Amateurmeteorologe Luke Howard klassifizierte die Wolken in fünf Hauptgruppen, die noch heute gelten.

Angeregt wurden die niederländischen Maler möglicherweise aber auch durch die nachweislichen Veränderungen des Wetters ab Mitte des 16. Jahrhunderts. Damals setzte eine Abkühlungsphase ein, eine "kleine Eiszeit", die bis in das zweite Drittel des 19. Jahrhunderts andauerte.

Die Tatsache, dass Mitte des 17. Jahrhunderts mehr als die Hälfte der in Holland gemalten Bilder Landschaftsdarstellungen waren, spricht dafür, wie bestimmend die Beschäftigung mit Natur und Wetter für die Menschen in dieser Zeit war. Dem Boom in der niederländischen Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts ist es zu verdanken, dass es auch heute noch zahlreiche solcher Werke von hoher Qualität gibt - einige davon in der Sammlung des Wallraf-Richartz-Museums.

Von Claudia Rometsch