Kultur
Das Geheimnis der Nasca-Kultur
Bundeskunsthalle zeigt archäologische Schätze aus Peru
Bonn (epd). Es sind merkwürdige Zeichen und Wesen, die den Boden der Küstenwüste im Süden Perus bevölkern: Tausende riesiger Spinnen, Wale, Vögel, aber auch Spiralen oder Trapeze sind auf einer Fläche von 500 Quadratkilometern in den Boden eingraviert. Das größte Bild ist fast zwei Kilometer lang. Wer hat diese geheimnisvollen Zeichen in die steinige Wüste gegraben? Und was sollen sie bedeuten? Diese Frage stellten sich Archäologen seit gut 100 Jahren.

Vor allem, seit ab den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts zunehmend kommerzielle Flüge das Gebiet überquerten, wurde das Ausmaß der Gravuren deutlich. Die meisten sind in die flache Hochebene gegraben und so groß, dass sie vom Boden aus gar nicht zu erkennen sind. Inzwischen sind die Forscher ein ganzes Stück weitergekommen. Vor allem durch Ausgrabungen seit Mitte der 90er Jahre konnten Archäologen entscheidende Erkenntnisse über das Volk gewinnen, das in der Zeit von etwa 200 vor Christus bis 650 nach Christus auf dem Gebiet lebte.

Unter dem Titel "Nasca. Im Zeichen der Götter" präsentiert die Bundeskunsthalle nun bis zum 16. September den aktuellen Erkenntnisstand zu den Erdbildern sowie rund 200 sensationell gut erhaltene Objekte aus der Nasca-Kultur. Es waren die Archäologen Markus Reindel und Johny Isla, die ab 1996 die die sogenannten Geoglyphen im Rahmen eines Forschungsprojektes erstmals umfassend archäologisch untersuchten und kartieren ließen. Parallel lieferten geologische Untersuchungen wichtige Daten.

Die Ausgrabungsfunde widerlegten eine frühere These, wonach die Geoglyphen astronomische Markierungen darstellten. Viel mehr zeigten die Ausgrabungen, die viele Scherben und Keramikgefäße zutage förderten, dass es sich offenbar um Kultstätten handelte. Die nachgewiesene Verdichtung des Bodens entlang der Erdbilder lässt darauf schließen, dass hier regelmäßig Menschen entlangliefen.

Offenbar gaben die Erdbilder die Richtung und den Ablauf ritueller Prozessionen vor. Dass dabei Keramikgefäße und andere Opfergaben auf Steinpodesten abgelegt wurden, wissen die Forscher aufgrund entsprechender Funde. Aber auch Musik hat bei den Zeremonien offenbar eine Rolle gespielt. Darauf weisen zahlreiche Funde von Instrumenten hin, darunter zum Beispiel kunstvoll bemalte Keramik-Flöten.

Die Ausstellung bietet nun einen Überblick über die Forschungen, die erstmals die genaue Lage der Erdbilder festhielten. Zwei animierte Modelle zeigen die Küstenlandschaft, die aus steinigen Hochebenen und fruchtbaren Tälern besteht. Mit 3-D-Brillen können Besucher sich Luftaufnahmen ansehen und so einen realistischen Eindruck der Geoglyphen erhalten. Ein knapp halbstündiger Film liefert Hintergrundinformationen zu den archäologischen Forschungsarbeiten.

Beeindruckend ist der gute Zustand der rund 200 Exponate, die für die Ausstellung zum Teil erstmals Peru verlassen durften. Zu verdanken ist der gute Zustand dem extrem trockenen Klima. Viele Objekte stammen auch aus Gräbern, die praktisch luftdicht verschlossen waren. Zahlreiche kunstvoll gearbeitete Keramikgefäße zeugen davon, dass die fruchtbaren Täler, die die wüstenartige Hochebene durchschneiden, den Nährboden für eine hochentwickelte Kultur boten. Die ebenmäßigen, glänzenden Gefäße sind in Weiß-, Schwarz- und Rotbrauntönen kunstvoll mit geometrischen Mustern sowie Tier- und Fabelwesen bemalt.

Die Forscher vermuten, dass es sich bei vielen der übermenschlich dargestellten Wesen auf den Keramiken um Götter handelt. Kriegerisch wirkt eine häufig auftauchende Figur, die einen abgetrennten Kopf am Haarschopf in der Hand hält. Es handele sich dabei um das sogenannte "Anthropomorphe Mythische Wesen", das im Mittelpunkt der Kultur gestanden habe, sagt Archäologe Markus Reindel. Der abgeschlagene Kopf stelle aber keine Trophäe dar. Vielmehr dienten die Köpfe offenbar dem Ahnenkult. "Der Kopf war Ort der Macht und Energie, die man erhalten wollte."

Bemerkenswert ist die Farbigkeit der rund 2.000 Jahre alten Textilien, die in der Ausstellung zu sehen sind. Da sind etwa Kopfbänder mit plastisch gearbeiteten bunten Kolibris. Meterlange mit Wolle bestickte Umhänge in Rot, Gelb und Blau lassen staunen, welche Kenntnisse der Textilverarbeitung in der Nasca-Kultur vorhanden waren.

Interessant wäre es gewesen, etwas darüber zu erfahren, wie die Menschen in der Lage waren, Farben von solcher Qualität und Leuchtkraft herzustellen. Vor allem Rot war ja eine Farbe, die in Europa noch im Mittelalter nur unter großen Mühen aus den Farbdrüsen unzähliger Schnecken gewonnen werden konnte. Und eine weitere Frage bleibt offen: Wie kam es, dass diese hoch entwickelte Kultur verschwand?

Von Claudia Rometsch