Ethik
Chinas Dissident Liu Xiaobo will in einem freien Land sterben
Klinik berichtet von septischem Schock
Bonn/Hongkong (epd). Trotz seines kritischen Zustands hofft der todkranke chinesische Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo weiter auf eine Ausreise aus China. Der 61-Jährige wünsche sich, dass er in einem freien Land sterben und dass seine Frau Liu Xia in einem freien Land leben könne, berichtete die in Hongkong erscheinende Tageszeitung "South China Morning Post" am Dienstag unter Berufung auf Freunde des Paares. Liu ist der bekannteste politische Gefangene Chinas. Er ist an Leberkrebs im Endstadium erkrankt. China verweigert ihm die Ausreise. Ob er transportfähig ist, blieb strittig.

Das behandelnde Krankenhaus in Shenyang in der Nordost-Provinz Liaoning teilte am Dienstag mit, Liu habe infolge einer ernsthaften Infektion einen septischen Schock erlitten. Am Montag habe auch eine Dialyse begonnen, erklärte die Klinik der in Hongkong erscheinenden Tageszeitung "The Standard" zufolge. Laut Medienberichten warnten chinesische Stellen davor, Lius Schicksal zu politisieren.

Der in Deutschland lebende chinesische Konzeptkünstler Ai Weiwei wünscht sich mehr Engagement für den todkranken Friedensnobelpreisträger. "Ich denke, Deutschland hat viel getan aber noch längst nicht genug", sagte Ai Weiwei in einem Interview der Deutschen Welle in Bonn. Er hoffe, die Bundesregierung könne diesen chinesischen Menschenrechtler so gut behandeln, wie sie die Panda-Bären im Berliner Zoo liebe. Die Menschenrechte müssten die Grundlage jeder Beziehung und jedes Vertrags mit China sein.

Liu Xiaobo wurde Ende Juni "auf Bewährung" aus dem Gefängnis entlassen und in eine Klinik gebracht. Der Dissident war 2009 zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Er war der Initiator der "Charta 08", in der politische Reformen gefordert wurden.

Regierungssprecher Steffen Seibert erklärte am Montag, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wünsche sich ein Zeichen der Humanität für Liu und seine Familie. Nach unbestätigten Berichten war das Schicksal des Dissidenten auch Thema der Gespräche beim G20-Gipfel, an dem Chinas Präsident Xi Jingping teilnahm.

Unterdessen protestierte die deutsche Botschaft in Peking gegen eine Video-Aufnahme von der Untersuchung Lius durch den deutschen Arzt Markus Büchler, die ohne Einverständnis erfolgt und offenbar staatlichen Medien übergeben worden sei. "Es scheint, dass Sicherheitsorgane das Verfahren steuern, nicht medizinische Experten", kritisierte die Botschaft. Dieses Verhalten untergrabe das Vertrauen in die Verantwortlichen.

Am Samstag hatten Liu der deutsche Krebsspezialist Büchler vom Universitätsklinikum Heidelberg und sein amerikanischer Kollege Joseph M. Herman untersucht. Sie stimmten mit der Diagnose und der Empfehlung zu palliativen Maßnahmen überein. Büchler erklärte Liu im Gegensatz zur Klinik für transportfähig, wenn die Reise rasch erfolgt.

Liu hatte 2010 den Friedensnobelpreis erhalten, den er bisher aber nicht entgegennehmen durfte. Auch andere europäische Staaten und die USA haben die chinesische Führung aufgefordert, Liu eine Behandlung am Ort seiner Wahl zu ermöglichen.

"Ohne Menschen wie Liu Xiaobo gibt es keine Zukunft", betonte Ai Weiwei, der selbst 2015 nach jahrelangem Haus- und Stadtarrest nach Deutschland ausreisen durfte. Liu Xiaobo sei nicht nur für die Chinesen von Bedeutung, sondern für Menschen überall auf der Welt. Ob er ausreisen dürfe, hänge vom internationalen Druck ab.