Kultur
Die Stele "Kalbtraegerin" (2017) von Aleksandra Domanovic
© epd-bild / David Ertl
Bullen ohne Hörner
Bundeskunsthalle zeigt Arbeiten von Aleksandra Domanovic zur Gentechnik
Bonn (epd). Spotigy und Buri scheinen geradezu ein Luxus-Rinderleben zu führen. Das schwarz-weiß gefleckte Fell der beiden Bullen glänzt gepflegt, sie liegen in sauberem Stroh und haben viel Platz im Stall. Doch die beiden Rinder leben nicht etwa auf einem Hof, der besonders auf Tierwohl achtet. Vielmehr sind sie Produkte einer Genforscherin an der University of California. Alison Van Eenenaam züchtet Bullen ohne Hörner. Das stieß bei der in Berlin lebenden Künstlerin Aleksandra Domanovic auf so großes Interesse, dass sie sich seit zwei Jahren mit der Arbeit der US-Genforscherin beschäftigt.

Die künstlerische Umsetzung dieser Beschäftigung mit dem Forschungsprojekt ist nun unter dem Titel "Kalbträgerin" bis zum 24. September in der Bundeskunsthalle zu sehen. Spotigy und Buri begegnen dem Besucher in großformatigen Fotografien. Domanovic zeigt zum Beispiel Spotigys hornlosen Kopf. Man sieht das offenbar frisch gewaschene, schwarz glänzende Fell in Nahaufnahme, oder Van Eenenaam in schwarz glänzenden Stiefeletten, wie sie die Bullen durch die Stallgasse führt.

In der Mitte des Raums stehen sieben mannshohe gelb, schwarz, rot, blau oder weiß-gesprenkelte rechteckige Stelen. Auf ihnen liegt jeweils ein weißes Kalb aus glattem Kunststoff. Gehalten wird es von Armen aus dem gleichen Material, die jeweils rechts und links aus jeder Stele herausragen. Domanovic beziehe sich mit den Skulpturen auf die antike Plastik des Moschophoros, erklärt Kuratorin Susanne Kleine. Die Skulptur des Kalbträgers von etwa 570 v. Chr. wurde 1864 an der Akropolis in Athen ausgegraben.

Moschophorus sei wahrscheinlich eine Votivfigur zu Ehren der Göttin Athene, das Kalb auf seinen Schultern eine Opfergabe. Im Rückschluss auf die beiden Bullen Buri und Spotigy könnte der Betrachter also schlussfolgern, dass es sich auch hier um Opfertiere handelt. Tatsächlich wurde Spotigy inzwischen im Namen der Wissenschaft geschlachtet. Die Forscher wollten feststellen, ob das Fleisch des genmanipulierten Tiers die üblichen Eigenschaften besitzt. Buri hingegen wurde zur Zucht weiterverwendet. Die von ihm gezeugten Kälber sind noch nicht geboren. Die Forscher erwarten, dass auch sie hornlos sind.

All diese Hintergründe erfährt der Betrachter, wenn er sich durch ein Begleitheft arbeitet. Es enthält auch Domanovics Recherche-Interviews mit der Forscherin. Die erklärt darin, welchen Nutzen das gentechnische Wegzüchten der Hörner hat. Immer wieder hätten Rinder mit ihren Hörnern Menschen aufgespießt oder sich gegenseitig verletzt. Deshalb würden die Hörner normalerweise weggebrannt. Das sei aber für Mensch und Tier ein gefährliches Verfahren. Bullen ohne Hörner seien also die bessere Lösung.

Wie steht die Künstlerin zu dieser Aussage? Die ästhetischen Kalb-Stelen und die Fotos der gepflegten Rinder geben darüber keine Auskunft. Ob sie die gentechnische Veränderung von Tieren kritisch sieht, will die 1981 im früheren Jugoslawien geborene Domanovic nicht sagen. Nur so viel: "Ich bin nicht gegen die Wissenschaft." Domanovics Arbeit lasse die Schlussfolgerung offen, erklärt Kuratorin Kleine. Sie sei ein Angebot an den Betrachter, die Dinge zu hinterfragen. Die Künstlerin will sich also bewusst bedeckt halten.

Dass es ihr aber gar nicht so leicht fällt, die Distanz zu wahren, verdeutlicht ein ebenfalls im Begleitheft abgedrucktes Interview Domanovics mit der Genforscherin. Hier nimmt sie keine eindeutig neutrale Haltung ein. So stimmt sie zum Beispiel der Wissenschaftlerin zu, wenn diese Befürchtungen über Risiken von Fleisch gentechnisch veränderter Tiere in Bausch und Bogen vom Tisch wischt.

Eindeutiger ist da schon die feministische Haltung, die bei genauem Hinsehen in Domanovics Arbeit deutlich wird. Nicht nur der Titel der Ausstellung, der aus dem männlichen Kalbträger eine Frau macht, deutet darauf hin. Domanovic hat in ihre Schau auch Anspielungen auf die Genforscherin Rosalind Franklin integriert. Unter anderem zeigt sie in einem Leuchtkasten den Schmäh-Brief eines russischen Wissenschaftlers an seinen Kollegen James Watson. Der Hintergrund: Obwohl Franklin an der Entdeckung der Doppelhelixstruktur der DNA beteiligt war, heimsten Watson und sein Kollege Francis Crick den Ruhm alleine ein.

Diese und andere Hintergrundinformationen erfahren die Besucher aus dem Begleitheft und aus einem Film. Sonntags sind zudem Kunstvermittler in der Ausstellung, um Besucherfragen zu beantworten.

epd-West rom es

Von Claudia Rometsch (epd)