Kirche
Ökumene-Studie: Kirchen wollen Uneinigkeit in Bioethik entschärfen
Theologin Sattler: Wir sind näher beieinander als es scheint
Bonn/Hannover (epd). Trotz bestehender Differenzen in Fragen der Bioethik und der Sterbehilfe haben Katholiken und Lutheraner ihren Willen zur Einheit bekräftigt. Katholische und lutherische Christen müssten ungeachtet unterschiedlicher Ansichten in einzelnen ethischen Fragen gemeinsam für die Menschenwürde eintreten, heißt es in einer am Mittwoch in Bonn und Hannover gemeinsam veröffentlichten Studie der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und der katholischen Deutschen Bischofskonferenz.

Um die Themen Stammzellenforschung und Sterbehilfe waren in den letzten Jahren unterschiedliche Positionen der Konfessionen offenbar geworden. Dies war zuletzt sogar als Gefahr für die Ökumene bewertet worden. An der Studie hatten Experten rund acht Jahre gearbeitet. Der Text stellt theologische Überlegungen zur Würde des Menschen ins Zentrum.

Die Hauptbotschaft des Textes sei: "Wir sind näher beieinander als es scheint, auch in der Bioethik", sagte die katholische Theologieprofessorin Dorothea Sattler (Münster) dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Menschenwürde sei die gemeinsame Basis und das Verbindende für jede weitere Einzelentscheidung in ethischen Fragen. Die Studie solle zu einer theologischen Fundierung und Versachlichung der Debatte beitragen. Der Eindruck, dass es einen "Grunddissens in ethischen Fragen" zwischen den Kirchen gebe, treffe nicht zu, sagte die Mitautorin der Studie. Es gebe vielmehr einen "begrenzten Dissens", nicht nur zwischen den Konfessionen sondern auch innerhalb der Konfessionen.

"In den politischen Debatten um die Stammzellforschung der letzten 15 Jahre kam es zwischen der katholischen Kirche und den evangelischen Kirchen in der Frage des Stichtages, auf die sich die öffentliche Debatte konzentrierte, zu Differenzen", erinnerte die Studie "Gott und die Würde des Menschen" der Bilateralen Arbeitsgruppe von Bischofskonferenz und VELKD. Die katholische Kirche hatte 2008 eine Verschiebung des Stichtags strikt abgelehnt, hochrangige Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hielten eine einmalige Veränderung des Stichtags für verantwortbar. In Deutschland darf seit 2008 nur an importierten Stammzellen geforscht werden, die vor dem 1. Mai 2007 gewonnen wurden.

Auch bei bestimmten Aspekten des assistierten Suizids hatten sich Unterschiede in der Bewertung abgezeichnet: Die katholische wie die evangelisch-lutherische Kirche lehnen den assistierten Suizid "als gesetzlich legitimierte Option am Lebensende prinzipiell ab". Gleichzeitig bestehe "zwischen beiden Kirchen ein begrenzter Dissens in Bezug auf den Einzelfall", heißt es in der Studie.

Die evangelischen Kirchen gehen davon aus, dass es Grenzsituationen wie unerträgliches, lange andauerndes und sicher zum Tode führendes Leiden gibt. Hier ist aus protestantischer Sicht die Gewissensbindung des Menschen anzuerkennen. Die katholische Kirche dagegen lehnt eine Entscheidung zum Suizid oder zur Suizidhilfe grundsätzlich ab, weil sie in jedem Fall gegen Gottes Gebot verstößt, nicht zu töten.

Seit 1976 führt die VELKD mit der Deutschen Bischofskonferenz Lehrgespräche, um zur Klärung kontroverser theologischer Fragen beizutragen. Die nun erscheinende Studie ist die dritte nach dem Studiendokument "Kirchengemeinschaft in Wort und Sakrament" (1984) und der Studie "Communio Sanctorum - Die Gemeinschaft der Heiligen" (2000). Der VELKD gehören sieben evangelische Landeskirchen mit insgesamt 9,5 Millionen evangelischen Christen an. Der römisch-katholischen Kirche in Deutschland gehören 23,8 Millionen an, der gesamten EKD 22,3 Millionen Menschen.