Die Publizistin und langjährige Vizepräsidentin des Bundestages, Antje Vollmer (Grüne), wird am Dienstagabend in Bochum mit dem Hans-Ehrenberg-Preis ausgezeichnet. Der mit 5.000 Euro dotierte Preis würdige Vollmers politische Initiativen, "mit denen sie in scheinbar ausweglose gesellschaftlichen Konflikten Verständigungsprozesse initiiert", erklärte der evangelische Kirchenkreis Bochum, der den Preis alle zwei bis drei Jahre mit der Hans-Ehrenberg-Gesellschaft und dem Verleger Hartmut Spenner vergibt.
Vollmer moderierte etwa den Runden Tisch zur Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren. Mitglieder des Vereins Ehemaliger Heimkinder (VEH) wollen vor der Preisverleihung vor der Bochumer Christuskirche demonstrieren. In einem Offenen Brief bezeichnen sie die Preisverleihung als "obszön und skandalös". Vollmer habe nichts dazu getan, ehemalige Heimkinder zu versöhnen. Der VEH hält den vom Runden Tisch ausgehandelten Hilfsfonds für Heimkinder für nicht ausreichend. Außerdem seien ihre Interessen in dem Gremium nicht ausreichend berücksichtigt worden. Gegen Volmer erhebt der Verein die Anschuldigung, sie habe Heimkindervertreter vor der Abstimmung über den Abschlussbericht des Runden Tisches unter Druck gesetzt.
Der Hans-Ehrenberg-Preis soll Persönlichkeiten und Organisationen auszeichnen, die in besonderer Weise protestantisches Profil in die gesellschaftliche Auseinandersetzung einbringen. Der Preis erinnert an den Theologen und Philosophen Hans Ehrenberg (1883-1958), der als Pfarrer in Bochum wirkte und zu den herausragenden Persönlichkeiten des kirchlichen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus gehörte. Ehrenberg stammte aus einem liberalen jüdischen Elternhaus. Er studierte zunächst Rechtswissenschaften und Philosophie. 1909 ließ er sich taufen und studierte später evangelische Theologie.
Als Dozent in Heidelberg und später als Pfarrer in Bochum engagierte sich Ehrenberg in der religiös-sozialistischen Bewegung. Bereits an Pfingsten 1933 formulierte er das "Bochumer Bekenntnis" gegen die Totalitätsansprüche des NS-Regimes. Nach der Reichspogromnacht wurde Ehrenberg in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Nach der Intervention des anglikanischen Bischofs von Chichester, George Bell, konnte der Theologe mit seiner Familie nach England ausreisen. Nach dem Krieg kehrte er nach Westfalen zurück. Ehrenberg starb 1958 in Heidelberg. 1993 wurde in Bochum die Hans-Ehrenberg -Gesellschaft gegründet.
Zu den bisherigen Preisträgern zählen der Bochumer Sozialethiker Günter Brakelmann, der frühere rheinische Präses und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Manfred Kock, der ehemalige Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, der Publizist Robert Leicht und die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste.
