Newsfeed-Tickermeldung - Landesdienst/Landesdienst Südwest
Studie: Entscheidung für Kirchenaustritt ist langer Prozess Von Christine Süß-Demuth

Auch wenn die Zahl der Kirchenaustritte nach dem Missbrauchskandal in der katholischen Kirche stark gestiegen sind, ist es meist nicht ein einzelnes Motiv das Menschen bewegt, aus der Kirche auszutreten. Vielmehr gehe einer solchen Entscheidung meist ein langjähriger Prozess voraus, heißt es in einer jetzt veröffentlichten Studie des Zentrums für kirchliche Sozialforschung an der Katholischen Hochschule in Freiburg (ZEKIS). Die Studie "Austritt oder Verbleib in der Kirche" des Religionssoziologen Professor Michael N. Ebertz und zweier Mitarbeiter widerlegt, dass Kirchenaustrittszahlen nur Indikator für einen aktuellen Dissens der Mitglieder mit ihrer Kirche sind.

Im Unterschied zu anderen Ländern sei das Thema Kirchenaustritt in Deutschland - zumindest für Steuerzahler - unmittelbar präsent, so ZEKIS weiter. Über das staatliche Steuersystem wird auch die Kirchensteuer eingezogen, eine Pflichtabgabe für alle erwerbstätigen evangelischen und katholischen Kirchenmitglieder. Nur in Deutschland ist der Austritt aus der Glaubensgemeinschaft vor einer staatlichen Behörde und nicht vor einer kirchlichen Repräsentanz möglich. In anderen Ländern gilt eine strikte Trennung von Kirche und Staat.

Die Studie "Austritt oder Verbleib in der Kirche" untersuchte die biografischen Prozesse bei 25 Menschen zwischen 18 und 35 Jahren, die zu einem Austritt aus der römisch-katholischen oder der evangelischen Kirche führten. Daneben wurden auch qualitative Interviews mit 25 jungen Erwachsenen geführt, die in den Kirchen verbleiben und mit denjenigen der Austreter verglichen.

Die Interviewer fanden heraus, dass zuerst genannte Austrittsbegründungen, wie Missbrauchsskandal, nur den Endpunkt unterschiedlicher Entwicklungen darstellten. Auch die Interviewten sprechen oft selbst von einem Prozess und betonen Ereignisse und Entwicklungen in verschiedenen Phasen ihres Lebens, die dann letztlich zum Austritt führten. So konnten aus qualitativen Interviews sechs charakteristische Prozesstypen herausgefiltert werden. Dazu zählen kirchlich engagierte Jugendliche, die sich umorientieren ebenso wie Kirchenferne oder Enttäuschte.

Bedeutend scheint der Zeitraum der Pubertät und der Konfirmation oder Firmung zu sein - eine Zeit in der sich die Jugendlichen vermehrt mit der Sinnsuche beschäftigen. Wie die Kirche auf deren Fragen eingeht und sie beantwortet, scheint eine wichtige Rolle zu spielen dabei, wie Kirche generell wahrgenommen wird, bewirkt aber selbst noch keinen Austritt. Dies geht auch denen so, die Mitglied bleiben. Lediglich drei Bleiber engagierten sich laut Studie im Erwachsenenalter noch stark in der Kirche. Daher stellt die Studie fest: "Junge Erwachsene werden von den herkömmlichen Angeboten der Kirche kaum angesprochen und empfinden diese nicht als attraktiv".

Die von der Akademie der Bruderhilfe geförderte Studie will die Wahrnehmung für kirchliche Austritts- und Bleibeprozesse stärken. Weiterführende Informationen soll eine empirische Hauptstudie ergeben, die ebenfalls durch die Akademie der Bruderhilfe beauftragt wurde. (1973/21.09.2012)