Soziales
Wissenschaftlerinnen steigen aus Korntaler Aufarbeitungsprojekt aus
Brüdergemeinde erklärt Zusammenarbeit mit Betroffenen für gescheitert
Korntal-Münchingen (epd). Die Evangelische Brüdergemeinde Korntal hat bei der Aufarbeitung von früheren Missbrauchsfällen in ihren Kinderheimen einen Rückschlag erlitten. Die Brüdergemeinde hat am Dienstag die Zusammenarbeit mit einer Opfervereinigung aufgekündigt, nachdem das wissenschaftliche Team aus zwei Sozialwissenschaftlerinnen und zwei Juristinnen sich aus dem Korntaler Projekt "Aufarbeitung Heimerziehung" zurückgezogen hatte.

Weil Betroffene ihnen das Misstrauen erklärt haben, hatte das Team um die Landshuter Sozialwissenschaftlerin Mechthild Wolff keine Chance mehr für eine gemeinsame Weiterarbeit gesehen. Wenn eine erhebliche Zahl von Personen, die während ihres Aufenthalts in den Kinderheimen Missbrauch, Misshandlung und anderes Unrecht erlitten, nicht mit ihnen arbeiten wollten, sei eine Aufarbeitung nicht möglich, schrieben sie in einer von der Brüdergemeinde veröffentlichten Stellungnahme.

Die vier Wissenschaftlerinnen betonen, dass sie als ihre Aufgabe betrachtet hätten, "das tatsächliche Ausmaß der Gewalt gegen Kinder in Korntaler Heimen herauszufinden und Verantwortliche zu benennen". Zusätzlich wollten sie "Strukturen aufdecken, die dies begünstigt haben, und insbesondere auch die Folgen für die betroffenen ehemaligen Heimkinder erheben".

Die Evangelische Brüdergemeinde Korntal bedauerte zunächst in einer Stellungnahme, dass "eine große Chance vertan" worden sei und ließ das weitere Verfahren offen. Später folgte die Mitteilung der Brüdergemeinde, die gemeinsame Aufarbeitung der Missbrauchsfälle mit den Betroffenen sei "gescheitert, das Vertrauen aufgebraucht". Das Maß an persönlicher Diffamierung und übler Nachrede seitens der Betroffenen gegen Professorin Wolff sowie Vertretern der Brüdergemeinde sei überschritten.

"Wir haben Verantwortung für die schwerwiegenden Vorfälle der Vergangenheit übernommen und werden diese aufarbeiten" kündigte der Vorsteher des Brüdergemeindewerks, Klaus Andersen, an. Ein "Opferanwalt" der Betroffenen werde jedoch von der Brüdergemeinde nicht mitfinanziert, stellte er klar. Ein "Opferanwalt" sei von Natur aus nicht unabhängig und komme daher als Moderator oder "Chefaufklärer" nicht in Betracht.

Das neu gegründete Netzwerk Betroffenenforum hatte die Entscheidung der Wissenschaftlerinnen begrüßt. Für die Betroffenen stehe die Aufklärung aller Vorkommisse in der Brüdergemeinde im Zentrum. Sie wollten die schnellstmögliche Aufklärung und "Befriedung durch eine angemessene Entschädigung". Das Netzwerk kündigte eine Spendenkampagne an, und dass seine Aufklärungsbemühungen von Wissenschaftlern unterstützt würden. Im bisherigen Aufarbeitungsprozess hätten sich viele Betroffene nicht ernst genommen gefühlt. (0670/15.03.2016)