Kirche
Von der Jungschar ins Parlament
Was Landtagsdirektor Frieß in der Jugendarbeit gelernt hat
Stuttgart (epd). Auf seinem höhenverstellbaren Schreibtisch im Stuttgarter Landtag stehen zwei Playmobil-Figuren: Martin Luther und Johann Wolfgang von Goethe. Evangelischer Glaube und literarische Weisheit sind für Landtagsdirektor Berthold Frieß wichtige Orientierungspunkte - gerade auch im Parlamentsalltag. Als Verwaltungschef ist er dafür mitverantwortlich, dass die Volksvertretung im Südwesten effektiv arbeiten kann.

Von dem SPD-Politiker Rolf Lehmann, ehemals Stuttgarter Wirtschaftsbürgermeister und Amtschef im Sozialministerium, stammt der Satz: "Wer eine Jungschar leiten kann, kann auch ein Ministerium führen." Insofern hat Berthold Frieß die besten Voraussetzungen für seinen Posten. Denn die Arbeit in und für die evangelische Jugend hat den Anfang seines Berufswegs entscheidend geprägt. "Schon da habe ich gelernt, Verantwortung zu übernehmen und Menschen zu vertrauen", erinnert sich der 49-Jährige.

Frieß wuchs auf einem Bauernhof in Schalkstetten unweit von Ulm auf. Seinen Zivildienst absolvierte er beim Evangelischen Jugendwerk in Heidenheim, was ihn im Wunsch bestärkte, Jugendreferent zu werden. Nach der Ausbildung an der CVJM-Sekretärsschule in Kassel arbeitete er sieben Jahre mit Jugendlichen und Ehrenamtlichen im Kirchenbezirk Balingen, danach acht Jahre als Referent für Jugendpolitik in der Stuttgarter Zentrale des Evangelischen Jugendwerks.

"Berufsjugendlicher" wollte der Kirchenmann mit dem kahlen Haupt aber nicht werden. Deshalb bewarb er sich auf die Stelle des Landesgeschäftsführers beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) - und wurde zu seiner Überraschung aus einem Bewerberfeld von hundert Menschen genommen. Dabei sei er inhaltlich eher "ahnungslos" gewesen, wie er rückblickend sagt, auch wenn er sich immer für Umweltthemen interessiert habe. Die Organisation konnte er offenbar mit seiner Persönlichkeit überzeugen. "Haltung kann man schlechter lernen als Inhalte", fasst Frieß diese Denkweise zusammen.

Durch sein Engagement für den Atomausstieg und gegen das Bahnprojekt "Stuttgart 21" wurden die Landes-Grünen auf den ehemaligen evangelischen Jugendreferenten aufmerksam. Nach dem Wahlsieg der Partei 2011 heuerte ihn die Landtagsfraktion als Geschäftsführer an. Ein unschätzbarer Vorteil für seine heutige Position, denn die damalige Aufgabe machte ihn mit den Abläufen im Parlament bestens vertraut.

Als Grünen-Mitglied muss sich Frieß nun parteipolitisch zurückhalten. Von einem Landtagsdirektor erwarteten die Abgeordneten zu Recht Neutralität und Fairness, sagt er. "Es ist knifflig, alle gleichzubehandeln." Ob es um die EDV-Ausstattung der Abgeordnetenbüros oder den Umgang mit Anträgen der Fraktionen geht - läuft etwas schief, muss am Ende der Verwaltungschef den Kopf hinhalten. "Wir haben ein sehr engagiertes Team, aber hexen können wir nicht", seufzt der Direktor angesichts einzelner Angriffe, die ihm unfair scheinen.

Als Christ wirbt er für einen menschlichen Umgang unter den Parlamentariern. Er selbst pflegt ihn auch zu den Mitgliedern der jungen AfD-Fraktion, von denen er inhaltlich weit entfernt ist. Selbst in seiner politisch aktiven Zeit habe er sich nicht als "krasser Zuspitzer" im Wettstreit der Meinungen gesehen, sondern eher als Sachpolitiker. Er wünschte sich in den Debatten weniger Aufgeregtheit. "Es gilt bei jedem Streit: Der andere könnte recht haben - und der Streitwert ist meistens überschaubar."

Zuständig ist der Verwaltungschef im Rang eines Ministerialdirektors außerdem für den verantwortlichen Umgang mit dem 88-Millionen-Euro-Haushalt des Landtags und auch für die Immobilien. Derzeit wird im Untergeschoss ein "Raum der Stille" für insgeamt rund 215.000 Euro geplant, in dem künftig unter anderem die monatlichen ökumenischen Andachten für die Abgeordneten stattfinden sollen. Die Kosten hält Frieß für in Ordnung, da sich der Raum im Moment noch im Rohbaustadium befinde und auch bei anderer Nutzung hätte aufwendig ausgebaut werden müssen.

Privat bleibt der Landtagsdirektor seiner Heimat verbunden, er wohnt seit vielen Jahren in Süßen. Dort bläst er, wenn es der Terminkalender zulässt, im kirchlichen Posaunenchor die Baritonposaune. Seine Frau, mit der er zwei Töchter hat, lernte er im Evangelischen Jugendwerk kennen - bei einem Grundkurs für ehrenamtliche Mitarbeiter. (0031/07.01.2018)

Von Marcus Mockler (epd)