Soziales
Lehrer beklagen mangelnde Unterstützung für inklusiven Unterricht
Kultusministerium weist Verbandsforderung zurück
Stuttgart (epd). Zu wenig Unterstützung vor Ort verleidet Lehrern in Baden-Württemberg offenbar den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern. Laut einer in Stuttgart vorgestellten forsa-Umfrage ist der Anteil der Lehrer, die Inklusion unterstützen, im Südwesten innerhalb von zwei Jahren von 66 auf 57 Prozent gesunken. Es fehlt an Sonderpädagogen, Weiterbildung für Lehrer, barrierefreien Schulen und geeigneten Klassengrößten, sagte Gerhard Brand, Vorsitzender des Landesverbands Bildung und Erziehung (VBE), der die Umfrage in Auftrag gegeben hat. Das Kultusministerium bewertet die Situation deutlich positiver.

Der Verband fordert laut Brand eine permanente Doppelbesetzung von inklusiven Lerngruppen durch Lehrkraft und Sonderpädagogen. Dadurch würden bei konsequenter Umsetzung zwar 200 Millionen Euro mehr pro Jahr gebraucht, um schätzungsweise 4.700 zusätzliche Fachkräfte zu finanzieren. Doch dieser Betrag stelle nur 0,42 Prozent des Landeshaushalts dar. Werde dieses Geld nicht ausgegeben, "dann zahlen unsere Kinder die Zeche", sagte Brand.

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) wies die Forderung in einer Stellungnahme zurück. Eine permanente Doppelbesetzung an allen Schulen sei nicht zielführend und sollte nur dort erfolgen, wo es pädagogisch sinnvoll sei, schreibt sie. Das Land habe seit 2015 insgesamt 400 neue Stellen für Inklusion geschaffen, im kommenden Schuljahr seien weitere 160 geplant.

Der Umfrage zufolge bemängeln 17 Prozent der Lehrer fehlendes Fachpersonal. Rund 15 Prozent vermissen eine ausreichende materielle und finanzielle Ausstattung. 16 Prozent beklagen fehlende Aus-, Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Nur 18 Prozent geben an, dass ihre Schule vollständig barrierefrei sei. Zwei Drittel sagen, dass trotz des Hinzukommens eines behinderten Kinds die Klassengröße gleich geblieben sei.

Jede zweite Lehrkraft, die inklusive Klassen unterrichtet, besitzt nach eigenen Angaben keine sonderpädagogischen Vorkenntnisse. Das entsprechende Fortbildungsangebot für diese Aufgaben beurteilen die Lehrer insgesamt mit der Note 4,1, die betroffenen Lehrer sogar nur mit 4,4. Jedes vierte behinderte Kind, das während der Schulzeit Medikamente braucht, bekommt es vom Lehrer. Der VBE sieht das als rechtliche Grauzone und fordert die Anstellung von Schulgesundheitsfachkräften, wie sie in anderen Ländern bereits gang und gäbe seien.

Die Vorbereitung von Lehrern auf die Übernahme einer inklusiven Lerngruppe hat sich der Umfrage zufolge verschlechtert. Hatten vor einem Jahr noch 17 Prozent gesagt, es habe kein besonderes Vorgespräch für diese Aufgabe gegen, so hat sich dieser Anteil inzwischen auf 36 Prozent mehr als verdoppelt. Hohe Zustimmung genießen bei den Lehrern die Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren - 98 Prozent sprechen sich für den Erhalt aus.

Die Landesarbeitsgemeinschaft "Gemeinsam leben – gemeinsam lernen" hat den Eindruck, dass viele Lehrer noch immer zu viel Kraft für Zweifel, Skepsis und Widerstand gegen Inklusion aufwendeten. Der Traum, möglichst alle Sonderschulen zu erhalten, müsse vor dem Hintergrund der UN-Behindertenrechtskonvention "jetzt endlich einmal ausgeträumt sein", schreibt Sprecherin Kirsten Ehrhardt. In der Bundes- und Landespolitik fehle das klare Bekenntnis zu einem inklusiven Bildungssystem ohne Wenn und Aber, kritisierte sie.

Für die forsa-Umfrage wurden bundesweit 2.050 Lehrkräfte befragt, darunter 500 im Südwesten. Der VBE hat nach eigenen Angaben in Baden-Württemberg 17.000 Mitglieder. (1211/29.05.2017)

epd lbw moc cr