Kultur
Kultur und Kolonialisierung auf den Vulkaninseln
Rund 250 Jahre hawaiianische Geschichte werden im Linden-Museum begreifbar
Stuttgart (epd). Zum ersten Mal in Deutschland können Museumsbesucher ganz in die Südseewelt von Hawai'i eintauchen. Die Große Sonderausstellung des Landes Baden-Württemberg "Hawai'i - Königliche Inseln im Pazifik" im Stuttgarter Linden-Museum bietet bis 13. Mai 2018 nicht nur folkloristische Einzelfacetten. Sie will ein Gesamtbild vermitteln von der Gesellschaft, die noch ein Jahrhundert nach ihrer Entdeckung durch Europäer an ihrem eigenen Charakter festhielt, dann unter der Kolonialisierung litt, und heute auf dem Weg ist, ihre Wurzeln bewusst zu pflegen.

"Diese Ausstellung reflektiert das Zusammenspiel von Geschichte, Tradition und Moderne in Hawai'i – wobei in der Präsentation den sozialen Grundlagen und der Kunst des alten Hawai'i als Basis eines hawaiischen Selbstverständnisses große Bedeutung zukommt", betont der Pressesprecher des Linden-Museums, Martin Otto-Hörbrand. Die Ausstellung zeigt die Vulkan-Inselkette von grandioser Schönheit, die seit ihrer Entdeckung ein Sehnsuchtsziel für Künstler und Reisende aus aller Welt ist. Sie zeigt aber auch, wie seit dem 20. Januar 1778, als Bewohner der Inseln zum ersten Mal dem Briten James Cook gegenüberstanden, ganz unterschiedliche Welten aufeinandertrafen.

Heute ist Hawai'i ein US-Bundesstaat mit 1,4 Millionen Einwohnern. Knapp 300.000 von ihnen führen ihre Herkunft auf die ersten Bewohner der Inseln zurück. Sie gehören allen Schichten der Bevölkerung an. "Viele arbeiten aktiv daran, fast vergessene Traditionen und Kenntnisse wie Handwerk, Tanz, Navigation und die hawaiische Sprache zu erneuern und zu erhalten", erklärt Otto-Hörbrand.

Für die Hawaiianer begann ihre Geschichte vor mehr als 1.500 Jahren, als der Seefahrer Hawai'iloa von den Marquesas-Inseln die unbewohnte Inselkette erreichte, für die Europäer mit dem Jahr 1778. Ende des 18. Jahrhunderts war die vulkanische Inselkette eine vereinte Monarchie. Im Jahr 1820 landeten calvinistische Missionare aus Amerika auf den Inseln. Und damit begannen die gravierenden Veränderungen.

Lorenz Gonschor beschreibt im Katalog zur Ausstellung, wie das anfänglich gute Miteinander - innerhalb von zwei Jahrzehnten wurden fast alle Hawaiianer Christen und lernten lesen und schreiben - in ein Apartheidsystem der weißen Eroberer kippte. Missionare und vor allem deren Nachkommen hätten "eigennützige wirtschaftliche Interessen" entwickelt, die sie schließlich mit amerikanischer Militärgewalt durchsetzten. Sie sicherten sich Rechte als Plantagenbesitzer, Bankiers und Anwälte. Ihr Verhalten sei geprägt gewesen "von wirtschaftlicher Gier, einem fundamentalistisch-calvinistischen Weltbild, in das eine polynesische Monarchie nicht passte, sowie generellen rassistischen Vorurteilen", schreibt der Autor. Im Jahr 1887 riss die "Missionspartei" die Macht an sich.

Die Ausstellung streift auch freundschaftliche Beziehungen des hawaiianischen Königshauses in den Südwesten und führt weiter durch die Geschichte bis zu aktuellen Bemühungen, Hawai'i wieder unabhängig von den USA als modernes Königreich zu installieren. Das sei noch "ein langer und holpriger Weg", auch weil die Mehrheit der Bevölkerung heute auf den Inseln asiatisch-amerikanische Wurzeln hat. Im Begleitprogramm nehmen vor allem Kooperationsveranstaltungen mit dem Katholischen Bildungswerk und der evangelischen Kirche in der City das Thema auf.

Die Stuttgarter Ausstellung zeigt den Reichtum der Natur, der für viele Touristen zum "betörenden Bild eines tropischen Idylls" gehört. Sie stellt Kunst und Handwerkskunst, das Wellenreiten und die Seefahrerkunst, Rindenbaststoffe und Drucktechniken, rituelle Tänze und Musik vor. Vieles davon seien "Kernsymbole einer aktuellen hawaiischen ethnisch-kulturellen Identität", zugleich auch "wichtige Schlüsselreize im Kontext der Tourismuswerbung". Die Ausstellung blendet bei aller Schönheit aber auch die starke Militarisierung der Inseln oder die soziale Marginalisierung eines erheblichen Teils der indigenen Bevölkerung nicht aus. (2073/12.10.2017)

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Von Susanne Müller (epd)