Kirche
Kirche und Politik gedenkt der Deportation badischer Juden nach Gurs vor 75 Jahren
Landtagspräsident: "Absoluter Tiefpunkt unserer Landesgeschichte"
Neckarzimmern (epd). Mit einer bewegenden Gedenkfeier haben am Sonntag Vertreter aus Kirchen und Politik an die vor 75 Jahren deportierten badischen Juden nach Gurs erinnert. Was damals geschah sei "ein absoluter Tiefpunkt unserer Landesgeschichte" gewesen, sagte der baden-württembergische Landtagspräsident Wilfried Klenk (CDU) am "Mahnmal zur Erinnerung an die deportieren badischen Juden" in Neckarzimmern. Am 22. Oktober 1940 waren mehr als 6.500 Menschen aus der Pfalz, Baden und dem Saarland in das südwestfranzösische Internierungslager gebracht worden.

"Die Erinnerung an die Gewaltherrschaft, den Rassenwahn und den Völkermord der Nazis wachzuhalten und sich in Trauer, Scham und Demut vor den Opfern zu verneigen, das hat im Herbst 2015 eine besondere Relevanz bekommen", betonte Klenk. Der Landtagspräsident forderte, mit sämtlichen Mitteln des Rechtsstaats jede Form von Hass zu bekämpfen". Heute sei Deutschland ein Zufluchts- und Hoffnungsort für Flüchtlinge, sagte der Politiker. "Wir wollen die zu uns Drängenden rechtsstaatlich und menschlich aufnehmen".

Der badische evangelische Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh sagte, dass Kirchen und Christenmenschen zur Bedrohung und Vernichtung jüdischen Lebens in der deutschen Geschichte allzu oft geschwiegen hätten. "Als die Nationalsozialisten kamen, um unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger abzuholen und zu verschleppen, haben wir als Kirche nicht widerstanden, nicht einmal widersprochen", sagte Cornelius-Bundschuh.

"Wir sind als Kirche schuldig geworden an jüdischen Mitmenschen, an unseren älteren Geschwistern im Glauben", betonte der Landesbischof, der auch an die zeitgleiche "Vernichtung von über 10.000 behinderten Menschen aus Baden und Württemberg" in Grafeneck erinnerte.

"Was damals an schrecklichen Ereignissen geschah, ist bewusst in uns", sagte der katholische Domkapitular Andreas Möhrle von der Erzdiözese Freiburg. Das "Auslöschen" dürfe nie gelöscht werden, betonte Möhrle. Aus der geschenkten Versöhnung und dem Aufeinander zugehen erwachse "neue Verantwortung für die Zukunft und vor allem neues Vertrauen".

Allein aus Baden waren im Oktober 1940 auf Anweisung der NS-Gauleiter rund 5.600 Menschen mit dem Zug ins südwestfranzösische Internierungslager Gurs gebracht worden, jeder Dritte sei dort gestorben, weitere wurden ab März 1942 von den Nationalsozialisten nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet.

Die Gedenkstätte in Neckarzimmern prägt eine rund 20 auf 20 Meter große Bodenskulptur in Form eines Davidsterns. Der Stern bietet Platz für Erinnerungssteine, die von Jugendgruppen und Schulklassen aus den 138 badischen Deportationsorten im Rahmen des 2005 gestarteten "ökumenischen Jugendprojektes Mahnmal" gestaltet werden.

Junge Künstler aus den Deportationsorten Galingen, Gemmingen, Graben, Ilvesheim, Ittlingen, Lahr, Malsch, Odenheim, Östringen, Reilingen, Sindolsheim und Stebbach stellten bei der Gedenkfeier zwölf neue Steine vor. Damit sind nun Steine aus 121 der insgesamt 138 Deportationsorte zu sehen. (2776/25.10.2015)

epd lbw rik