Soziales
Heute ein Second-Hand-Essen
In der Freiburger Mensa verspeisen Studenten die Essensreste anderer
Freiburg (epd). Jürgen isst heute von zwei Tellern: Auf einem liegt ein gelber Berg arabischer Hummus-Paste und ein bisschen grüner Salat, auf dem anderen ein paniertes Hähnchenschnitzel. "Es ist schön, mit Gleichgesinnten hier zu sitzen und sich das Essen zu teilen", sagt der Geographie-Student - und bedient sich dann von einem dritten Teller mit Reis und Kartoffeln, der vor einem seiner Kommilitonen steht. Es ist ein wildes Essen, das der 24 Jahre alte Jürgen heute mit seinen Freunden teilt: Essensreste, Besteck und Worte wandern ganz selbstverständlich über den großen Mensatisch, es wird viel gelacht.

Jürgen und seine Kommilitonen in der Freiburger Unimensa nennen sich selbst "Bänderer" - weil sie ihr Essen nicht an der Kasse bezahlen, sondern vom Fließband nehmen - von dort, wo andere Studenten ihre dreckigen Teller und ihre Essensreste abstellen. Im letzten Herbst haben ein paar junge Menschen damit angefangen, immer mehr kamen dazu. Heute ist das Bändern unter Freiburger Studenten ein Trend. Bis zu 50 Menschen ernähren sich regelmäßig davon, schätzt Jürgen.

Ums Geldsparen geht es dabei kaum. "Ich kenne zwar ein paar Leute, bei denen das ein bisschen mehr im Vordergrund steht, aber die meisten von uns machen das, weil sie nicht wollen, dass so viel Essen weggeworfen wird", sagt Jürgen. Oft seien die Teller anderer Studenten noch randvoll oder zumindest bis zur Hälfte gefüllt - was auch daran liege, dass die Portionen so groß seien. "Das kann man durchaus als Forderung von uns verstehen: Wir wollen, dass auch kleinere und preiswertere Portionen verkauft werden", sagt Jürgens Tischnachbar, der 30 Jahre alte Javier.

Die Bänderer verstehen sich durchaus als politisch. Sie verstecken sich daher nicht, sondern gehen öffentlich und gut sichtbar Reste essen: Jeder soll sehen, dass es Reste gibt - und Menschen, die es für falsch halten, ein halb aufgegessenen Essen einfach wegzuwerfen. "Wenn ich nicht an der Uni bin gehe ich ab und zu auch Containern", sagt Jürgen. Er meint damit das Sammeln von unverkauftem Gemüse, das Supermärkte in Containern weggeworfen haben.

Das Freiburger Studentenwerk hat es den Bänderern eine Weile lang schwer gemacht: Als das Restessen populär geworden war, brachten Mitarbeiter irgendwann an den Bändern Trennwände an, so dass es schwerer wurde, an das Essen zu kommen. Angebracht an den Wänden waren zudem Hinweise, das Bändern doch bitte zu unterlassen. Schließlich gehe das Essen auf den Bändern wieder in das Eigentum des Studentenwerkes über, es handele sich also um Diebstahl.

Die Hinweise sind jetzt weg, dafür wollen Jürgen und seine Freunde zuletzt Leute ausgemacht haben, welche die Bänderer zählen. "Sonst haben wir aber keine Probleme. Und mit anderen Studenten schon gar nicht." Im Gegenteil: Oft gebe es Lob - auch von Leuten, die selber nicht dabei sein wollen.

Das erklärt vielleicht auch, warum noch nicht die halbe Freiburger Mensa heute bändert - es kostet Überwindung: Jürgen findet nichts dabei, eine Mahlzeit aufzuessen, von der jemand anderes erkennbar schon die andere Hälfte verspeist hat. Warum denn nicht? Die Sachen seien ja noch gut.

Und was ist, wenn ein Teller auf dem Band aussieht wie nach einer Schlacht? So etwas gibt es ja auch. "Dann lasse ich ihn halt stehen und nehme den nächsten. Wir sind ja nicht verpflichtet, ein bestimmtes Essen vom Band zu nehmen," sagt Jürgen. (1120/11.05.2016)

epd lbw sto sd

Von Sebastian Stoll (epd)