Soziales
"Eine gesunde Selbsteinschätzung ist schon nötig"
Mit Jobcoach-Unterstützung trotz Handicap auf den ganz normalen Arbeitsmarkt
Stuttgart (epd). Für den 30-jährigen Benjamin Schick ist ein Traum in Erfüllung gegangen: Er wurde Mitarbeiter im Fan-Shop des Bundesligisten VfB Stuttgart. Zwar nur als Praktikant für einige Monate, aber mit einer Chance auf Fortsetzung. Das Besondere daran: Benjamin Schick hat ein "Handicap", wie er selbst sagt. Er hat eine Lernbehinderung.

"Praktikanten haben wir öfter", sagt Nicole Wahsner, die Teamleiterin im VfB-Shop. Das sind üblicherweise Jugendspieler des Fußballvereins, die einen Tag in der Woche jobben, oder Werkstudenten im Büro. Bei Benjamin Schick gestaltet sich das etwas anders. Dennoch ist er komplett ins Team integriert und will "keinerlei Extrawürste", betont er. Das bedeutet, er arbeitet die vollen Schichten wie alle im Betrieb. Und er macht vom Sichern und Auszeichnen der neu angekommenen Waren bis zur Verkaufsberatung alles, was seine Kolleginnen und Kollegen ohne Handicap auch machen. Der Umgang mit dem Computer ist für ihn ebenso selbstverständlich wie der mit der Beflockungspresse.

An der werden individuelle Trikots hergestellt, entweder mit den Rückennummern und Namen der VfB-Spieler oder mit Wunschnamen der Kunden. "Augenmaß muss man schon haben", sagt Schick, als er zur Demonstration routiniert ein Trikot mit der "27" von Mario Gomez beflockt. Am Anfang habe er schon etwas Bammel gehabt, Fehler zu machen, gesteht er. Dass ein "Badstuber"-Trikot sein erstes Exemplar war, wird er wohl nie vergessen. "Aber diesen Bammel hat jeder", sagt Nicole Washner.

Sie nennt Schick die "Wuselmaus" im Team. Ständig hat er die Augen offen und schaut, wo er etwas tun kann. Einzig wenn es extrem hoch hergeht im Shop, kann ihn das Umfeld so hochschaukeln, dass er selbst überhektisch wird. "Dann schicken wir ihn für fünf Minuten Auszeit in die Teeküche - und dann läuft's wieder", sagt die Teamchefin.

Ein "Eichhörnchen auf Speed" beschreibt sich Schick selbst mit breitem Grinsen. Dazu braucht er keine Aufputschmittel, das steckt in ihm drin. Was er in den fünf Monaten aber gelernt habe, sei unter anderem, "das Eichhörnchen rechtzeitig einzufangen". Er hat auch gelernt, selbst mit schwierigen Kunden umzugehen: "Man muss bestimmt bleiben, auch wenn sie zum Beispiel den Preis herunterhandeln wollen, aber immer freundlich."

Der junge VfB-Mitarbeiter auf Zeit ist kommunikativ und wissbegierig. Und er hat Respekt vor der Leistung seiner Kollegen: "Ich habe hier gelernt, was alles nötig ist, bis die Fans eine so tolle Auswahl geboten bekommen", bilanziert er. Seine Lieblingsstücke im Shop sind das weiße Heim- und das schwarze Auswärts-Trikot des Vereins.

Mit Begeisterung würde er im Team bleiben, doch Ende Januar endet sein Praktikum zunächst einmal. Ob und wie es weitergehen kann, soll noch diskutiert werden. Ziel von Diakonie Stetten-Jobcoach Jana Thalova ist, Benjamin Schick zu helfen, bei seinem seit fünf Jahren mit Energie und Kreativität verfolgten Ziel: "Ein Platz im Einzelhandel im ganz normalen Arbeitsmarkt."

Nach der Ausbildung an der Theodor-Dierlamm-Schule der Diakonie Stetten machte er Praktika in einer Getränkehandlung und einer Spedition. Als Dauerkarteninhaber beim VfB hatte er dann die Idee zum Praktikum im Fanshop.

Die erste Mail-Anfrage von Jobcoach Thalova fiel in den Aufstiegskampf des Vereins und Washner mailte zurück: "Wir sind voll im Stress, aber wir bleiben am Ball". Sie hielt Wort: Es gab ein Vorstellungsgespräch, zwei Tage Hospitanz und dann das Praktikum.

Sechs Jobcoaches mit jeweils etwa 15 Klienten hat die Diakonie Stetten. Ziel für alle: der erste Arbeitsmarkt, trotz Handicap. "Man muss zuerst herausfinden, was die betroffene Person will", erläutert Jana Thaolva. "Dann muss man sehen, was ist möglich - und welcher Betrieb passen könnte".

"Darf ich mal reingrätschen?", fragt Benjamin Schick, und ergänzt Thalova: "Eine gesunde Selbsteinschätzung ist auch nötig." Mit Handicap ist Arzt werden eben unmöglich. Aber ein Beruf "im weißen Kittel" ist dennoch drin, etwa als Stationshelfer in der Seniorenpflege. Je größer die Vielfalt an Betrieben ist, die Praktika und Arbeitsplätze bieten, desto treffsicherer wird die Vermittlung. (0154/22.01.2018)

epd lbw mu- bbi

Von Susanne Müller (epd)