Kultur
"Beunruhigende Musen" - eines von de Chiricos Meisterwerken.
© Staatsgalerie Stuttgart
Ein "Künstler für Künstler"
Stuttgarter Ausstellung zeigt den Einfluss des Malers de Chirico auf die europäische Avantgarde
Stuttgart (epd). Seine "beunruhigenden Musen" und "Hektor und Andromache" dürfen in keinem Bildband über moderne Malerei fehlen: Giorgio de Chirico (1888 - 1978) gilt als einer der Hauptvertreter der Metaphysischen Malerei. Mit den gesichtslosen, ballonartigen Köpfen und seinen innovativen Varianten von Bild-im-Bild-Gemälden hat er eine ganze Generation von Künstlern beeinflusst. Die Große Sonderausstellung "Giorgio de Chirico - Magie der Moderne", die von Freitag (18. März) an in der Stuttgarter Staatsgalerie zu sehen ist, präsentiert rund 100 Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken. Neben seinen Werken sind Arbeiten anderer Maler zu sehen, die sich mit seiner Bildsprache auseinandergesetzt haben.

Im Zentrum steht de Chiricos vielleicht wichtigste Schaffensphase 1915 bis 1918 im norditalienischen Ferrara. Dort sind rund 50 Gemälde entstanden, und sie sollten die Bildende Kunst in einen Gärungsprozess treiben. Über Reproduktionen in Kunstzeitschriften verbreiteten sich die Motive in Europa und inspirierten andere Meister ihres Fachs. "So ist der Mensch" von René Magritte, "Erleuchtete Lüste" von Salvador Dalí, "Aquis submersus" von Max Ernst oder "Der Diabolo Spieler" von George Grosz zeugen von der intensiven Auseinandersetzung mit de Chirico.

Der in Griechenland geboren Sohn italienischer Eltern, der in München studierte, sei mit seinem Werk ein "Künstler für Künstler" geworden, resümiert Gerd Roos, Kurator der Ausstellung. Roos sortiert de Chirico zwischen dem Surrealismus und der Neuen Sachlichkeit ein. Der Maler habe Alltägliches in neue Zusammenhänge gestellt, ähnlich wie das in der tiefenpsychologischen Traumarbeit geschehe. Gleichzeitig habe er Gegenständen eine neue Aura gegeben. Den Begriff der Metaphysischen Malerei hält Roos dagegen für verunglückt, denn es gehe in diesen Werken nicht darum, letzte Fragen zu beantworten.

Die Bilder stecken voller mysteriöser Symbole und Anspielungen. An weiten Plätzen fahren schattenhaft Dampflokomotiven vorbei, in mit Staffeleihölzern und Zeichengerät vollgepackten Räumen stehen Bilder, die Fabriken, Landschaften oder historische Bauten zeigen. Strenge Geometrie reibt sich an natürlichen Formen wie Fischen oder Gebäck. Die Staatsgalerie besitzt mit "Metaphysisches Interieur mit großer Fabrik" ein Meisterwerk de Chiricos. Es entstand vor genau 100 Jahren und bildet den Angaben zufolge den Ausgangspunkt für die Sonderausstellung zur Metaphysischen Malerei und ihrer Bedeutung für die Europäische Avantgarde.

Der Fokus der Ausstellung auf de Chiricos Schaffen in Ferrara erklärt sich gerade mit dem nachweisbaren Einfluss auf andere europäische Maler. Für Christiane Lange, Direktorin der Staatsgalerie, handelt es sich bei der Phase von 1915 bis 1918 um eine "Sternstunde der Kunstgeschichte".

Ein Großteil der ausgestellten Bilder stammt aus anderen Museen, etwa dem Metropolitan Museum of Art und dem MoMA in New York, dem Musée national d’Art moderne in Paris oder der Galleria Nazionale d’arte moderna in Rom. Nach Einschätzung der Kuratoren wird es eine solche Zusammenschau in einer einzigen Ausstellung nie wieder geben - schon jetzt rieten Restauratoren davon ab, die 100 Jahre alten Bilder auf Reisen zu schicken. (0689/17.03.2016)

Von Marcus Mockler (epd)