Soziales
Durch Handyverträge und Stromkosten in die roten Zahlen
Schuldnerberatung erklärt, wie Menschen in die Miesen rutschen
Heidelberg, Mannheim (epd). Arbeitslosigkeit oder Sucht? Nein, sagt Andreas. Solche Dinge seien nicht schuld, dass er in einen Schuldensumpf gestolpert wäre. "Es waren eigentlich nur Kleinigkeiten - Handyverträge, Stromkosten oder überzogener Dispo", sagt der 38-Jährige. Aber im Laufe der Jahre addierten sich die Beträge auf 16.000 Euro Schulden. Eine Summe, die für einen Hartz IV-Empfänger kaum abzustottern ist und jegliche Perspektive nimmt.

Angefangen hatte Andreas' Schlamassel in der Oberstufe eines Mannheimer Gymnasiums. Irgendwie sei ihm alles zu viel geworden und seine Eltern nervten. Er schmiss die Schule und zog von zu Hause aus. Eigentlich hatte er den Traum gehabt, Jura zu studieren. Einen Plan B hatte er nicht. Er wurde depressiv, hangelte sich von Job zu Nebenjob, machte Praktika als Tanzlehrer und verdiente zeitweise in einem Callcenter auch 1.500 Euro netto. "Aber leider habe ich nicht nachgedacht und das Geld auf den Kopf gehauen", sagt Andreas. Am Wochenende zum Feiern nach Stuttgart oder ein neuer Fernseher, abzahlbar in Raten.

Irgendwann diente das neu verdiente Geld nur noch dazu, das überzogene Konto wieder auszugleichen und alte Rechnungen abzustottern. Zum Leben blieb nicht viel, und Andreas fing an CDs zu klauen, die er verkaufte. Mehrmals kam er für kurze Zeit in Haft. Und gleichzeitig wuchs in ihm das Gefühl, ein Versager zu sein. Er bat weder seine Eltern um Hilfe noch fing er an sich zu sortieren. Briefe schmiss er ungeöffnet weg.

"Das ist der Klassiker. Man steckt den Kopf in den Sand und die Spirale dreht sich nach unten", sagt seine Sozialarbeiterin Alexandra Meinzer vom Wichernheim Heidelberg, der Wiedereingliederungshilfe der evangelischen Stadtmission Heidelberg. Im Ernstfall folgen auf nicht bezahlte Rechnungen Mahngebühren, Zinsen werden erhoben, es kommt zu einem gerichtlichen Mahn- und Vollstreckungsverfahren, das ebenfalls vom Schuldner zu bezahlen ist, plus häufig Kosten der eingeschalteten Inkassounternehmen. "In vielen Fällen sind die Nebenkosten irgendwann höher als die ursprüngliche Forderung", erklärt Meinzer. Sind Gläubiger erst einmal im Besitz eines Vollstreckungstitels, haben sie 30 Jahre lang das Recht, das Vermögen des Schuldners zu pfänden. Der Schuldner hat dann kaum noch Chancen, wieder auf einen grünen Zweig zu kommen. Meinzer sagt, sie erlebe häufig, dass Schuldner irgendwann keinen Überblick mehr hätten, wem sie eigentlich was schulden.

Dabei ist unwirtschaftliches Haushalten nur ein kleinerer Faktor beim Einstieg in die Schuldenspirale: Laut dem Statistischem Bundesamt haben bei einer freiwilligen Umfrage unter circa 290.000 verschuldeten Bundesbürgern 21 Prozent Arbeitslosigkeit als Ursache angegeben. Auf Platz zwei mit circa 14 Prozent folgen Krankheit, Sucht oder Unfall. 13 Prozent führten Trennung, Scheidung oder Tod des Partners als Grund an. Und neun Prozent erklärten, eine gescheiterte Selbstständigkeit habe zu den Miesen geführt.

Gabriele Kraft, Juristin und in der Diakonie Baden für die Schuldnerberatung zuständig, erklärt, sie sehe es schon als ein Erfolg, wenn es gelingt, nicht weitere Schulden anzusammeln. Dabei zählt jeder noch so kleine Schritt. "Ich rate jedem Schuldner, sein Girokonto in ein Pfändungsschutzkonto umzuwandeln, damit ihm das Nötigste zum Leben bleibt." Auf einem solchen Konto können Schuldner 1.139,99 Euro ansparen, die nicht gepfändet werden können. Ein kleiner Lichtblick und eine Sicherheit, dass notwendigen Ausgaben, wie Miete und Lebensmittel bezahlt werden können.

Außerdem muss, oft durch Anschreiben der Schufa und potenziellen Gläubigern, festgestellt werden, welche Forderungen bestehen. Dann stelle sich die Frage: Kann man mit den Gläubigern Kleinstratenzahlungen aushandeln und ein "Leben mit Schulden" führen oder muss, als letzte Möglichkeit, das Privatinsolvenzverfahren eröffnet werden. "Ich rate tendenziell zu einem "Leben mit Schulden", sagt Kraft. Das sieben Jahre dauernde Insolvenzverfahren sei zermürbend. Hingegen würden viele Menschen in einem sortierten "Leben mit Schulden" wieder Selbstachtung gewinnen.

Andreas hat sich für das Insolvenzverfahren entschieden. Er hat im Wichernheim eine Ausbildung als Alltagsbegleiter für Senioren abgeschlossen und sucht nun einen Job. "Ich möchte mit diesem Teil meines Lebens abschließen", sagt er. In der Hoffnung, eine Frau zu finden, mit der er ein Haus kaufen und Kinder bekommen kann. (1808/27.07.2017)

Von Leonie Mielke (epd)