Soziales
Diakoniechef: "Dringendes Handeln" gegen Altersarmut geboten
Stuttgart (epd). Angesichts zunehmender Armut im Alter fordert das Diakonische Werk Württemberg "dringendes Handeln" der Politik. So müsse eine Mindestrente eingeführt werden, die alten Menschen den Gang zum Sozialamt erspare, sagte der Vorstandsvorsitzende der Diakonie, Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, in Stuttgart. Zudem brauche es eine umfassende Sozialversicherungspflicht auch für Minijobs sowie die Ausdehnung der gesetzlichen Rente auf Selbstständige und Beamte, betonte Kaufmann.

In den ersten zehn Jahren nach Einführung der Hartz-Reformen 2005 sei die Zahl der Grundsicherungsbezieher über 65 Jahren bundesweit um mehr als 56 Prozent auf 536.000 gestiegen, kritisierte der Diakonie-Chef. In Baden-Württemberg liege das Armutsrisiko der Älteren um drei Prozent höher als in der Gesamtbevölkerung. Dabei mache ein großer Teil der Betroffenen aus Unkenntnis, Angst oder Scham berechtigte Ansprüche gar nicht geltend.

Die Leiterin der Diakonischen Bezirksstelle Kirchheim/Teck bei Esslingen, Ingrid Riedl, berichtete aus der Beratungspraxis, dass sich immer weniger alte Menschen die Zuzahlung zu Medikamenten oder für die Zahnbehandlung leisten könnten. "Armut wird man an den Zähnen sehen", sagte Riedl. Manche lebten aufgrund ihres Geldmangels zurückgezogen und hätten über Monate keinen Kontakt zu anderen Menschen. 120.000 Senioren über 74 Jahren in Deutschland müssten immer noch einem Minijob nachgehen.

Oberkirchenrat Kaufmann wies darauf hin, dass gerade solche Menschen in prekäre Lebenslagen gerieten, die ihr Leben lang für sich und andere gearbeitet hätten, etwa in der Familie. Armut im Alter sei allerdings für die meisten die "Fortsetzung einer Armutsbiographie", weil es in ihren Beschäftigungsverhältnissen Lücken gegeben habe.

In der Woche der Diakonie vom 24. Juni bis 2. Juli wollen die Württemberger unter dem Leitwort "Geht's noch? - Diakonie gegen Armut" die Folgen der Altersarmut in den Mittelpunkt stellen. Am 2. Juli wird in allen evangelischen Gottesdiensten in Württemberg für die Diakonie gesammelt. (1381/22.06.2017)

epd lbw moc cr