Ethik
Prof. Jörg Knoblauch hält Ehrlichkeit für einen Wettbewerbsvorteil.
© epd/tempus
"Das VW-Riesendesaster wäre nicht nötig gewesen"
Drei Fragen an den Unternehmer und Ethiker Jörg Knoblauch
Giengen, Wolfsburg (epd). Mit ihrem christlichen Konzept streicht die Firma tempus in Giengen bei Heidenheim viele Preise ein und bekommt Traumnoten von ihren Mitarbeitern. Doch kann eine Firma mit Ethik im heutigen Konkurrenzkampf bestehen - und wenn ja: wie? Professor Jörg Knoblauch (66), geschäftsführender Gesellschafter der Consultingfirma und Bestsellerautor, glaubt, dass gelebte Werte ein Wettbewerbsvorteil sind.

epd: Herr Knoblauch, ethische Unternehmensführung - das klingt zunächst mal gut. Aber legen nicht Meldungen wie die vom jüngsten VW-Skandal nahe, dass das heute bestenfalls eine blauäugige Vision ist?

Knoblauch: Im Gegenteil: Es ist inzwischen weithin bekannt, dass gelebte Werte und eine hohe Vertrauenswürdigkeit die Gewinne erhöhen, während man für niedrige Vertrauenswürdigkeit draufzahlen muss. Das VW-Riesendesaster wäre nicht nötig gewesen. Hätte VW einen Shared-Value-Prozess gehabt, also in Geschäftsführung und Mitarbeiterschaft ethische Werte etabliert und regelmäßig überprüft, dann wäre man rechtzeitig auf den Morast gestoßen. Deswegen braucht es solche Instrumente. Bei tempus gibt es ein Wertekärtchen, das die Mitarbeiter unter anderem zur kompromisslosen Ehrlichkeit auffordert - und dazu, die "Hände vom schmutzigem Geld" zu lassen.

epd: Wenn der Wert der Werte in der Geschäftswelt so bekannt ist, worin liegt dann der neue Ansatz Ihrer Arbeit, für den die Firma jetzt unter anderem in die Ethik Society aufgenommen wurde?

Knoblauch: Die Stufe, die ich draufzusetzen versuche, ist die der Kingdom Company - auf deutsch: Reich-Gottes-Unternehmen. Es geht darum, mit der Firma und den Mitarbeitern aus der Perspektive der Ewigkeit heraus zu entscheiden. Im Zentrum steht unter anderem der Gedanke, dass alle materiellen Güter Gott gehören - also auch die Firmen. Die Mitarbeiter werden stärker in Entscheidungen eingebunden und sollen als Geschöpfe Gottes eine höhere Wertschätzung und Fürsorge erfahren. Das Konzept ist nicht zum Nulltarif zu haben und auch nicht gedacht, um damit mehr Geld zu verdienen - was manchmal schwer zu vermitteln ist. Es gibt sogar Mitarbeiter, denen das zu aufwendig erscheint und die bremsen und sagen: "Mach' mal halblang. Ich habe Familie und brauche meine Arbeit."

epd: Wie stellen Sie denn sicher, dass neue Mitarbeiter auch für Ihre ethischen und christlichen Werte einstehen? Und wie wollen Sie Ihre Ideen nach außen transportieren - speziell, wenn Sie keine höheren Gewinne versprechen?

Knoblauch: Den christlichen Glauben fragen wir nicht ab, wohl aber moralische Werte. Dafür gibt es ein hochkomplexes, neunstufiges Einstellungsverfahren. Die letzte Stufe ist die Probezeit. Zum Schluss braucht es fünf "Ja"s: vom Mitarbeiter selbst, den Kollegen, den Kunden, vom Vorgesetzten und von der Lebenspartnerin oder dem Lebenspartner. Im Mittelstand, in dem wir uns bewegen, sind die Firmen nicht so unüberschaubar, dass man seine Mitarbeiter nicht kennen würde. Außerdem habe ich einen Wertekongress für christliche Führungskräfte ins Leben gerufen. Alle zwei Jahre kommen hier mehr als 3.000 Menschen zusammen. Ein Ergebnis war die Nürnberger Erklärung. Darin heißt es unter anderem: "Wir sind überzeugt: Wirtschaftliches Handeln braucht christliche Werte, mit denen man in Führung gehen kann."

epd-Gespräch: Wenke Böhm