Kultur
"Das Gruppenerlebnis ist ein Traum"
Über Höhen und Tiefen beim Radpilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens
Straßburg, Rastatt, Bretten (epd). Auf dem Weg von Konstanz nach Worms radeln derzeit Pilger entlang der Rheinebene übers Kraichgau und die Pfalz. Und mit jedem Tag rückt die bunt zusammengesetzte Gruppe enger zusammen, wächst das Gemeinschaftsgefühl bei den zwischen acht bis 79 Jahren alten Teilnehmern auf dem grenzüberschreitenden Fahrrad-Pilgerweg. Das weiße Pilgerfähnlein flattert an jedem Hinterrad im Fahrtwind. Die Tour führt über Höhen und Tiefen. Am anstrengendsten sind die Tage zwischen Lörrach und dem Elsass, wo gleich mehrere hundert Höhenmeter überwunden werden mussten.

Saskia Ross de Jesus aus Hofsgrund am Schauinsland ist zunächst allein in die Tour-Gruppe eingestiegen, ehe sie ihre beiden deutsch-brasilianischen Zwillingstöchter Rebecca und Maira wenige Tage später in Straßburg mit dazu nimmt. Ohne die Kinder hat sie zu Beginn der Pilgertour in Gemeindehäusern mitübernachtet, mit den achtjährigen Zwillingen ab Straßburg dann im Zelt vorm Gemeindehaus. "Das macht total Spaß", schwärmt Maira sowohl vom Zelten als auch vom Radeln auf dem Weg nach Rastatt. Die beiden Kinder halten die im Schnitt rund 15 Stundenkilometer gut mit - genauso wie Hannelore Waldschütz aus Konstanz. Die 76-Jährige ist eine der drei ältesten Teilnehmerinnen und hat sich als eine von 13 Radlern für die komplette Tour angemeldet bis zum Finale in Worms. "Und ich bin katholisch", schmunzelt die Rentnerin, die regelmäßig ökumenische Gesprächskreise besucht.

"Die Pilger kommen aus mehreren Ländern, Bundesländern und Landeskirchen", sagt der ehemalige Dekan Hans-Joachim Zobel, der die Pilgertour organisiert hat. Pfarrer Dietmar Eißner aus Merseburg (Sachsen-Anhalt) sagt: "Ich habe im Internet von der Tour erfahren und mich gleich angemeldet." Er schläft in seinem VW-T5-Wohnmobil, das den Radpilgern zugleich als Begleitfahrzeug dient, wenn einer eine Radpause braucht. Mit im Gepäck hat Eißner eine meterhohe schwarze Lutherfigur, die bei jedem Anlass und jeder Station kurz aufgestellt wird.

Christa Martin besucht hin und wieder Seminare der badischen Landeskirche und ist dort auf die Pilgerradtour aufmerksam geworden. Sie fuhr zunächst von Konstanz bis Müllheim mit, musste dann wegen privater Termine kurz aussetzen, um zwei Tage später wieder in Straßburg zur Gruppe zurückzukehren. Sie hat in Privatzimmern übernachtet und für sie ist "vor allem das Gruppenerlebnis ein Traum".

Sie lobt wie auch andere Teilnehmer die "hochklassigen Vorträge", für die Altdekan Zobel und Claudia Roloff von der Erwachsenenbildung Offenburg allabendlich prominente Redner gewinnen konnten. Mal geht es um Jan Hus oder Thomas Müntzer, um die Rastatter Revolutionäre von 1848/1849, um Kirchengeschichtliches oder Kirchenpolitisches, um das jüdische Speyer, die Arbeit mit Flüchtlingen oder auch das heutige Wirtschafts- und Finanzsystem.

In Rastatt erinnerten Stadt und Pilger am 6. August mit einer Gedenkminute an die Opfer von Hiroshima. In Bretten erfuhren die Teilnehmer Wissenswertes über das Leben des Reformators Philipp Melanchthon, der dort geboren ist. Melanchthon "war der Ökumeniker unter den Reformatoren und der Ratgeber im Hintergrund von Martin Luther", sagt Pfarrer Dietrich Becker-Hinrichs beim Stadtrundgang in Bretten. Luther habe den Weggefährten sehr geschätzt, wenngleich die beiden Reformatoren auch mal im verbalen Clinch miteinander lagen, weil Melanchthon im Gegensatz zu Luther bis zum Schluss die Kirchenspaltung zwischen Katholiken und Protestanten verhindern wollte.

Schon nach wenigen Tagen werden diejenigen, die die Tour beenden, mit dem Lied "Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehen" und Umarmungen verabschiedet. So wie etwa die Heidelberger Studentin Andrea, die am Sonntag zwischen Kehl und Rastatt beim ehemaligen Benediktinerkloster Rheinmünster-Schwarzach ihr Ziel erreicht hat, weil sie tags drauf arbeiten muss. Der Fahrrad-Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens endete am 11. August. "Unser Ziel war es, historische Orte der Reformation zu besuchen, ohne dabei nur Rückschau zu halten", sagt Achim Zobel. Vielmehr gehe es um "Reformation und Transformation, um das, was wir heute noch daraus lernen können für die Zukunft." (1756/09.08.2017)

Von Ralf Schick (epd)

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