Kultur
Beten wie vor Tausenden von Jahren
Stuttgarter Ausstellung gibt tiefe Einblicke in Welt der Psalmen
Stuttgart (epd). Die biblischen Psalmen sind so etwas wie religiöser Kitt. Sie verbinden Juden und Christen, alle Konfessionen, alle Generationen, alle Nationen. Für Franziska Stocker-Schwarz, Direktorin der Stuttgarter Bibelmuseums, ist das der ideale Stoff für eine Sonderausstellung. Die Schau "Psalmen in Fülle" ist bis zum 11. November im "bibliorama" zu sehen.

Die optische Führung der Ausstellung geht zwei Linien entlang. Zur Linken Fotos und Darstellungen, wie die Psalmen seit ihrer Niederschrift gebetet wurden - von der Zeit vor 2.600 Jahren im Nahen Osten bis zum "Luther-Musical" 2017. Zur Rechten sind historische Blechblasinstrumente zu sehen. Außerdem bietet eine "Soundbar" mit Kopfhörern Beispiele, wie Psalmen in verschiedenen Jahrhunderten vertont wurden.

Zwischen diesen Linien führt eine Diagonale an verschiedenen Psalmausgaben vorbei. Gleich zu Beginn der "Stuttgarter Psalter" aus dem frühen 9. Jahrhundert. Das Bibelmuseum hat ein Faksimile der Kostbarkeit erworben, deren Original in der Württembergischen Landesbibliothek liegt und das Tageslicht aus konservatorischen Gründen nicht mehr erblicken darf.

Angefertigt wurde der Psalter in der Nähe von Paris, er kam erst 1780 nach Württemberg zu Herzog Karl Eugen. Das Gebetbuch liegt aufgeschlagen bei Psalm 23. Dieser vielleicht berühmteste Psalm beginnt mit den Worten "Der Herr ist mein Hirte". Der Illustrator zeigt Christus an einem Bach in starker Pose - die nahe Schlange als Symbol des Teufels kann ihm nichts anhaben. Moderne Psalmen, formuliert von Autorinnen der Evangelischen Frauenarbeit, des Männerwerks oder für einen Psalmenwanderweg im Schwarzwald, sind an weiteren Stationen zu lesen und zu betrachten.

Am Ende des Raums hängt ein Spiegel, vor dem verschiedene Ausgabe der Bibel liegen. Die Besucher werden auf diese Weise ermutigt, ihr Leben im Spiegel der Heiligen Schrift zu betrachten. Erst dadurch werden die Uralttexte zeitlos.

Konzeption und Umsetzung sind ein Gemeinschaftswerk von Kuratorin Susanne Claußen, Künstlerin Tine Anlauff-Haase, Studenten des Tübinger Evangelischen Stifts und Direktorin Stocker-Schwarz. Sie sieht einen Grundsatz der Ausstellung darin, auf die Verbindung zu Israel hinzuweisen. "Die Psalmen zeigen uns, dass Juden und Christen unteilbar zusammengehören", erläutert sie.

Ausgeklügelt ist die Verschränkung der Sonder- mit der Dauerausstellung. Die Gäste werden von den Psalmen aus etwa an die biblische Person des Königs David in der Dauerschau verwiesen, der einen Großteil diese Gebete verfasst hat. Auch bei Mose oder Lukas finden sich Hinweise auf biblische Gebetstexte.

Und schließlich sind die Besucher auch zum Mitmachen eingeladen. In der Sonderausstellung hängen Blätter mit Bildern, die darauf warten, ausgemalt zu werden. Außerdem sind zu acht Terminen "Psalmen zum Mitsingen" angeboten. Bei diesen offenen Treffen kann jeder einstimmen, auch wenn er keine Chorerfahrung hat. Vorträge, Lesungen und Gebetsstunden runden das Programm ab.

Direktorin Stocker-Schwarz hat bei der Vorbereitung der Ausstellung nach eigenen Worten die "Lebendigkeit" der Psalmen neu entdeckt. So erkenne man in den mittelalterlichen Bildern eine "berührende Hinwendung" zum Glauben. Die Psalmbeter rechneten mit einem lebendigen Gott, der auf Gebete antworte. (0972/04.05.2018)

epd lbw moc as

Von Marcus Mockler (epd)