Die Kalligraphie «Frucht des Geistes» ist in dunkelrot gehalten. Was auf den ersten Blick wie eine üppige Blüte aussieht, sind Buchstaben und Ornamente. Im Zentrum steht in leuchtendem Gelb in verschlungener arabischer Schrift: «Die Frucht des Geistes». Die Schrift ist umgeben von einem Blütenkranz: Was zunächst verborgen ist, drängt nach außen. Im äußeren Wortkreis werden die Früchte aufgezählt, die im Brief an die Galater erwähnt werden. Sie reihen sich in der eckigen Kufi-Schrift aneinander: «Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit».
Arabische Bibelverse als Kalligraphie darzustellen - das hätte sich der studierte Grafiker und Kalligraph in seiner Heimat Bagdad nicht getraut. «Bisher hatte kein Christ den Mut das zu tun», sagt der 45-Jährige, der nun im bayerischen Weißenburg lebt. «Dabei gehört die Schrift allen Arabern, nicht nur den Muslimen».
Laut Heidi Josua, die die Erklärungstexte für die Ausstellung verfasst hat, verbinden Arabischsprechende die Kalligraphie mit dem Islam, weil sich durch das islamische Bilderverbot diese Kunstart entwickelt hat. Doch es sei ein Trugschluss, dass Schriftgestaltung immer islamisch sein muss, betont Josua von der Arabischen Evangelischen Gemeinde in Stuttgart. Denn die arabische Schrift sei ab dem 3. Jahrhundert nach Christus in den damals christlichen Regionen Syrien und der Euphratebene entstanden.
Die meisten seiner Schriftbilder zeichnet Kamran in der alten Kufi-Schrift. Schon in vorislamischer Zeit wurde sie verwendet, als es noch keine diakritischen Zeichen gab, die das Lesen der arabischen Schrift vereinfachten. Genau das reizt Kamran: «Man muss genau hinschauen, um die Kalligraphie zu verstehen.» Viele seiner Schriftkunstwerke sind im «blühenden Kufi» gehalten, einer Schrift voller floraler Ornamente. Einige Kalligraphien sind zudem mit figürlichen Darstellungen verbunden. So entstehen eindrucksvolle Kompositionen aus Buchstaben - «GottesZeichen» auf arabisch «Ayat Allah». Seine Schriftbilder sollen jedoch nicht nur ästhetisch und emotional ansprechend sein, sondern haben auch eine theologische Aussage.
Einer der Lieblingsverse Kamrans stammt aus 2. Korinther 3: «Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.» Dieser Vers ist in «Naskh» gezeichnet, einer schwungvollen Schriftart, die nicht an Linien gebunden ist, sondern voller Freiheit. Das arabische Wort «Herr» sieht wie eine wehende Flagge im Wind oder wie ein Vogel aus.
«Gott gibt uns Freiheit», sagt Kamran. «Es tut weh, wenn Politiker oder andere Menschen uns unsere Freiheit nehmen.» Der 45-Jährige weiß, wovon er redet: Er wurde gezwungen, aus seinem Heimatland auszuwandern. Umso mehr schätze er in Deutschland die Demokratie und Freiheit, betont er.
Im Zentrum einer weiteren Kalligraphie prangt ein blaues Kreuz, das aus dem vierfachen Gottesnamen «Allah» besteht, dem Namen, den arabische Juden und Christen schon immer benutzten. Die Buchstaben A und L sind kunstvoll ineinander verschlungen. Diese Kalligraphie stelle die untrennbare Einheit von arabischer Sprache und Christentum dar, so Kamran. Dass der Gottesname Allah als Kreuz auf Muslime provozierend wirken könne, sei nicht seine Absicht. «Für mich als Christ ist Jesus nun mal Gottes Sohn», so Kamran.
Die Ausstellung «GottesZeichen» ist bis 22. August in der Stiftskirche in Stuttgart zu sehen. Außerdem werden in den Konzerten «Ex Oriente Vox» neben christlichen arabischen Liedern und Improvisationen in kurzen Bildmeditationen einige Kalligraphien von Maamun Kamran vorgestellt und erläutert. Geistliche arabische Musik ist am 19. August in Karlsruhe in der Paul-Gerhardt-Gemeinde um 19 Uhr am 20. August in Singen in der Markus-Gemeinde um 18 Uhr sowie am 21. August in der Stuttgarter Stiftskirche um 19 Uhr zu hören. Das Konzert wird von der Arabischen Evangelischen Gemeinde in Stuttgart veranstaltet.
Internet: www.arabic-church.com

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