Kultur
A wie Anhalt
Bindestrich-Bundesland will mit 800-Jahr-Jubiläum eine alte Herrschaftsregion aus dem Schattendasein führen
Dessau-Roßlau/Magdeburg (epd). "Zwingermauer" steht da, anderswo "Kapelle" und auf einer anderen Markierung "Halsgraben". Fantasie ist nötig, um sich zwischen zugewachsenen Pfaden die einst mächtige Burg Anhalt im Harz vorzustellen. Auf ihren Namen aber geht ein Herrschaftsgebilde zurück, von dem über Jahrhunderte kulturelle Impulse vor allem der Aufklärung auf ganz Europa ausstrahlten. In Sachsen-Anhalt wird seit Freitag offiziell das 800. Gründungsjubiläum des heutigen Landesteils gefeiert, auch wenn von dem 1945 aufgelösten Gebiet wie von der Burg nicht mehr viel zu erkennen ist. Nur rund zehn Prozent der Bevölkerung des Bundeslandes lebt in der Region zwischen Harz und Fläming.

Erhalten blieben auf den ersten Blick nur die zweite Hälfte des Bindestrich-Namens, der Bär im Landeswappen oder das Vorkommen in der Bezeichnung des Landkreises Anhalt-Bitterfeld. Den historischen Grenzen entspricht einzig noch die Evangelische Landeskirche Anhalts mit ihren 43.000 Mitgliedern.

Kirchenpräsident Joachim Liebig sieht in dem Jubiläum eine perspektivische Dimension, denn die gleichnamige Landeskirche sei die allein noch bestehende Institution in den alten Grenzen - und werde dies auch bleiben. So bestehe ein großes Interesse an der Wiederbelebung des "Traditionsraumes" als identitätsstiftendes Moment für die Bevölkerung. Und die Betonung der Tradition bilde auch einen Teil der "Vorsorgeversicherung" der Landeskirche.

Zu den geistesgeschichtlichen Impulsen, die von Anhalt ausgingen, gehört etwa die Gestaltung des Dessau-Wörlitzer Gartenreiches. Es ist ebenso UNESCO-Weltkulturerbe wie die in der Weimarer Republik entstandenen Dessauer Bauhausgebäude.

Anhalt wurde 1212 ein selbstständiges Territorium, nachdem Herzog Bernhard in Bernburg gestorben war. Seine Herrschaftsansprüche gingen auf seine Söhne über, wobei Albrecht das Herzogtum Sachsen und der ältere Heinrich die Grafschaft Anhalt bekam. Der Name war der Burg entlehnt, auf der die Fürsten zeitweise residierten. Immer wieder kam es danach zu Zersplitterungen durch Erbteilungen.

Von 1918 an trug Anhalt die Bezeichnung Freistaat. Mit Ende des Zweiten Weltkriegs erfolgte nach mehr als sieben Jahrhunderten der eigenständigen Existenz die Vereinigung mit dem preußischen Teil von Sachsen. 1947 wurde die Provinz Sachsen-Anhalt in ein Land umgewidmet, fünf Jahre später aber verschwand es von der Landkarte. Die DDR ersetzte die historisch gewachsenen Länder durch neue Bezirke.

Aus Sicht der heutigen Landesregierung soll Anhalt 2012 als ein unverzichtbares Stück Heimat würdig gefeiert werden. So erinnerte Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) daran, dass sich der anhaltische Staat einst zu einen fruchtbaren Kulturträger in ganz Mitteldeutschland erhoben habe. Und so laden Land, Kirche und Kommunen bis Ende 2012 zu einer ganzen Reihe von Ausstellungen, Vorträgen, Festen und Konzerten ein.

Als Erbauer der Burg im Selketal um 1123 gilt Otto der Reiche aus Ballenstedt. Kurze Zeit später wurde die Anlage bei einer Fehde zerstört, aber Mitte des 12. Jahrhunderts wiedererrichtet. Die neue Burg, die in Größe und Aussehen der Eisenacher Wartburg nur wenig nachstand, blieb jedoch nicht lange bewohnt. Bereits im 15. Jahrhundert begann der Verfall. Am 30. Juni soll nun die Kuppe als symbolischer "Gedenkort" für das gesamte alte Gebiet eingeweiht werden - mit neuer Beschilderung, einem Wegenetz und der Nachbildung von einigen Grundmauern.

epd ost wie jh

Karsten Wiedener (epd)

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