Er entdeckte die verschollen geglaubten Malereien 2001 in der ehemaligen Villa des SS-Führers Felix Landau im ukrainischen Drohobycz. In einem regelrechten Kunstkrimi, der für viel internationale Aufmerksamkeit sorgte, wurden die Bilder kurz darauf auseinandergerissen. Erstmals hat Geissler die zerstörte Gesamtkomposition nun zu neuem Leben erweckt, wenn auch virtuell. Von Freitag an stellt er seine "Bilderkammer des Bruno Schulz - das letzte Werk eines Genies" im ostsächsischen Zittau vor.
Die mobile Multimedia-Installation steht für knapp zwei Wochen im Gerhart-Hauptmann-Theater, wo zur Eröffnung auch ein Stück nach Schulz uraufgeführt wird. Danach soll die Installation auch in anderen europäischen Ländern und den USA gezeigt werden. "Eine vergleichbare 3-D-Rekonstruktion zerstörter Wandmalerei gibt es noch nirgendwo", sagt Geissler stolz. Zu seinen Projektpartnern zählt die aus der DDR-Bürgerbewegung hervorgegangene Umweltbibliothek Großhennersdorf bei Zittau.
In diesem Jahr wird an den 120. Geburts- und 70. Todestag von Bruno Schulz erinnert. Seine Skepsis gegenüber der Moderne sowie das Irrationale und Surreale führt häufig zu Vergleichen mit Franz Kafka. In Polen zählt Schulz mittlerweile zu den Klassikern. Seine Werke ("Die Zimtläden") wurden in knapp 40 Sprachen übersetzt. Geissler erwartet für die kommenden Jahre eine weiter wachsende Anerkennung des Künstlers. Einen Beitrag zu dessen Bekanntheit dürfte auch die Bilderkammer und ihre Geschichte leisten. "Es sind nicht nur Märchenfiguren zu sehen, sondern die personifizierte Darstellung der Shoah in Drohobycz", sagt Geissler.
In der Stadt nahe Lemberg lebten vor dem Zweiten Krieg 17.000 Juden, danach noch 400. Über Leben und Tod entschied dort der Wiener SS-Mann Felix Landau. Der Kunstliebhaber ging in die Geschichte auch als Sadist und grausamer Mörder ein. Als sogenannter "Leibjude" katalogisierte Schulz für ihn Raubgut oder fertigte Zeichnungen und Intarsienarbeiten. Zudem erhielt er den Auftrag, in der von Landau beschlagnahmten Villa Wandbilder für die Kinder zu malen.
Schulz musste den Auftrag für das Kinderzimmer übernehmen. Offenbar ließ er es sich nicht nehmen, manchen Figuren die Züge realer Menschen zu geben, Landau selbst ist darunter und dessen Geliebte Trude Segel. Seine Dienste schützten Schulz letztlich nicht vor dem Tod. Noch im selben Jahr erschoss ihn ein SS-Mann auf offener Straße in Drohobycz. Nach dem Krieg galten die Bilder als nicht mehr auffindbar. Als Geissler die überstrichenen Wandmalereien nach 60 Jahren wiederentdeckte, ahnte er nicht, was der Sensationsfund für Begehrlichkeiten weckte.
In einer ominösen Überraschungsaktion trennten Mitarbeiter der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem im Mai 2001 drei Fragmente von der Wand und brachten sie zum vermeintlichen Schutz nach Israel. Geissler spricht von einer "Zerstörung" der Gesamtkonzeption. Das Vorgehen kam damals auch weltweit in die Schlagzeilen und führte zu einer Kontroverse. Im Jahr darauf entnahmen ukrainische Restauratoren fünf weitere Fragmente. Geissler sagt: "Es ist sinnlos, dass alles verteilt und größtenteils unzugänglich ist."
Da sich daran auch in absehbarer Zeit wahrscheinlich nichts ändern wird, hat er die Kammer mit finanzieller Unterstützung der Bundeskulturstiftung weitgehend original nachgebaut. Die Malereien erstehen dort mittels Projektion wieder. Mit Überblendungen stellt er alle Phasen von der Entdeckung, den verschiedenen Zerstörungen bis hin zur Rekonstruktion dar. Sie wäre auch im Original das Ziel. Ein Vertrag regelt zwar, dass die Fragmente als Dauerleihgabe für zwanzig Jahr in Israel bleiben können. Da es aber eine Verlängerungsoption gibt, ist Geissler skeptisch, ob die Bilder in naher Zukunft wieder in der Ukraine zusammengeführt werden können.
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