Soziales
Studie: Armutsrisiko von Familien größer als gedacht
Sozialverbände fordern grundlegende Reform der Familienförderung
Gütersloh, Berlin (epd). Die Kluft zwischen wohlhabenden und armen Familien hat sich einer Studie zufolge in den vergangenen 25 Jahren stärker vergrößert als bisher angenommen. Eine neue Berechnungsmethode von Forschern der Ruhr-Universität Bochum zeige, dass das Armutsrisiko von gering verdienenden Eltern knapp drei Prozentpunkte über bisher geschätzten Werten liegt, erklärte die Bertelsmann Stiftung am Mittwoch in Gütersloh bei der Vorstellung der Studie.

Besonders drastisch ist demnach die Situation von Alleinerziehenden. Für diese Gruppe errechneten die Professorin für Sozialpolitik Notburga Ott und der Sozialökonom Martin Werding eine Risikoquote von 68 Prozent. Das seien über 20 Prozentpunkte mehr als in früheren Untersuchungen, hieß es.

Nach EU-Definition gilt als arm, wer als Alleinlebender weniger als 60 Prozent des jeweils mittleren Einkommens verdient. Die Grenze erhöht sich bei mehreren Menschen im Haushalt und liegt für Alleinerziehende mit einem Kind um knapp ein Drittel höher, für ein kinderloses Paar um die Hälfte höher und für eine Familie mit zwei Kindern gut doppelt so hoch. Diese Gewichtung geht zurück auf eine Skala der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Die Bochumer Forscher kritisieren, die OECD-Skala gewichte Kinder zu niedrig. Für die Studie verglichen sie empirische Daten des Statistischen Bundesamtes zur Einkommenssituation von Familien und kinderlosen Paaren seit Anfang der 1990er Jahre. Dabei wurde ermittelt, welche zusätzlichen Kosten durch Kinder und Jugendliche entstehen - von Windelkäufen über Schulmaterialien bis zu Klassenfahrten.

In einer ersten Stellungnahme sagte eine Sprecherin des Bundessozialministeriums, die Studie gebe keinen Anlass, an der bisherigen Berechnung etwas zu ändern. Die OECD-Skala richte sich nach in der Wissenschaft verbreiteten Konventionen.

Bertelsmann-Stiftungsvorstand Jörg Dräger erklärte dagegen, die Untersuchung bestätige, dass in den vergangenen 25 Jahren Paare mit Kindern oder Alleinerziehende finanziell schlechter gestellt waren als kinderlose Paare. "Mit jedem zusätzlichen Kind wird die finanzielle Lage von Familien schwieriger." Nur Familien, in denen etwa Frauen in größerem Umfang als zuvor arbeiteten, hätten ihre Einkommenssituation halten oder verbessern können, hieß es weiter. Dagegen hätten Kindergelderhöhungen keine nachhaltige Verbesserung gebracht.

Die Stiftung forderte vom Bund, die staatliche Existenzsicherung für Kinder neu aufzustellen, etwa durch ein Teilhabegeld für arme Jungen und Mädchen. Darin könnten das Kindergeld, die Grundsicherung für Kinder und Jugendliche nach dem SGB II, der Kinderzuschlag und der größte Teil des Bildungs- und Teilhabepaketes gebündelt werden, schlug Dräger vor.

Die Diakonie nannte die Ergebnisse der Studie einen "Skandal". "Wir unterstützen den Appell, die bisherigen Instrumente der Familienpolitik neu zu denken", sagte Diakonie-Vorstand Maria Loheide. Sie forderte einen Grundbetrag pro Kind. Wohngeld oder weitere ergänzende Hilfen sollten einfach, unbürokratisch und in Höhe der tatsächlichen Kosten gezahlt werden.

Der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) bezeichnete die in den Koalitionsgesprächen von Union und SPD vereinbarte Erhöhung des Kinderzuschlags für nicht ausreichend. Wenn Alleinerziehende davon profitieren sollten, müssten auch die Anrechnung von Unterhaltszahlungen reformiert und hohe Antragshürden abgebaut werden. Das Deutsche Kinderhilfswerk forderte ein Bundeskinderteilhabegesetz für Kinder und Jugendliche aus Familien in prekären Lagen mit einem Rechtsanspruch auf Förderung und Teilhabe.

epd ost bas phi