Ethik
Stiftungen spüren zunehmend Finanzkrise
Zahl der Stiftungen erreicht historisches Hoch
Berlin (epd). Ein Großteil der deutschen Stiftungen spürt verstärkt die Auswirkungen der Finanzkrise. Bei der Mehrzahl von ihnen, die lediglich über ein Kapital von unter einer Million Euro verfügten, schrumpften derzeit und auf absehbare Zeit real das Vermögen und damit auch die verfügbaren Fördergelder, erklärte der Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, Hans Fleisch, am Donnerstag in Berlin.

Ganz anders sehe die Situation bei den großen, unternehmensverbundenen Stiftungen aus, die über ein Vermögen von teilweise über 500 Millionen Euro verfügten. Hier sei die Lage "sehr gut, zum Teil ausgezeichnet, zuweilen sogar besser als in den Vorjahren", fügte Fleisch hinzu. In dieser Gruppe sei der "reale Erhalt des Vermögens derzeit weitgehend unproblematisch".

Anders als die kleinen Stiftungen, die Aktienanlagen meist vermieden, können etwa die Volkswagen-, Robert-Bosch- oder auch die Bertelsmann-Stiftung von den teilweise sogar gestiegenen Erträgen aus ihren Unternehmensbeteiligungen profitieren. Zunehmend in Schwierigkeiten, ihr Vermögen gewinnbringend anzulegen, hätten aber jene großen Stiftungen, die sowohl in Aktien wie auch in Wertpapiere investiert hätten. Gerade für Stifter mit relativ kleinem Vermögen würden sich daher derzeit eher Zustiftungen als die Gründung neuer Stiftungen empfehlen, erklärte der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes, Wilhelm Krull, der hauptberuflich Generalsekretär der Volkswagen-Stiftung ist.

Mit 18.946 Stiftungen gebe es momentan in der Bundesrepublik so viele noch nie, teilte Krull mit. Bleibe die Dynamik der vergangenen Jahre weiter bestehen, werde sich die Zahl der Stiftungen in Deutschland noch vor 2050 verdreifachen.

Allein im vergangenem Jahr seien 817 rechtsfähige Stiftungen neu errichtet worden. Diese Zahl ist allerdings deutlich geringer als in den Vorjahren, liegt aber immer noch höher als in den 90er Jahren. Einen Stiftungsboom gab es vor allem in den Jahren 2000/2002 sowie 2007, als Freibeträge für die steuerliche Geltendmachung eingeführt und erhöht wurden. Die größte Neugründung 2011 war die mit 230 Millionen Euro ausgestattete Anneliese Brost-Stiftung mit Sitz in Essen. Die Miteigentümerin der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" (WAZ) war 2010 gestorben.

Einen nochmaligen Gründungsschub erwartet der Bundesverband für das laufende Jahr. Zur Begründung verwies Generalsekretär Fleisch auf die Ankündigung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), mit einem Gesetz die rechtlichen Rahmenbedingungen für gemeinnützige Organisationen zu erleichtern.

Die meisten Stiftungsneugründungen gab es den Angaben zufolge 2011 in Nordrhein-Westfalen (167), Baden-Württemberg (146) und Bayern (141). Die wenigsten wurden in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern (jeweils 6) sowie Bremen (5) errichtet. Die meisten Neugründungen in Ostdeutschland gab es in Sachsen mit 23. Allerdings bleiben die ostdeutschen Länder Stiftungs-Brachland. Lediglich 6,5 Prozent aller bundesdeutschen Stiftungen sind zwischen Stralsund und Plauen angesiedelt. Das Bundesland mit den meisten Stiftungen bleibt Nordrhein-Westfalen mit 3.661 Stiftungen.

Die Stadt mit den meisten Stiftungen ist Würzburg (80 pro 100.000 Einwohner), gefolgt von Frankfurt/Main (73) und Hamburg (69). In Berlin sind lediglich 22 ansässig.

epd ost mg/jh mg