Umwelt
Rote Linie für die Braunkohle
Das sächsische Pödelwitz stemmt sich gegen seine Abbaggerung
Pödelwitz (epd). Schlag 15 Uhr wird es laut in Pödelwitz. "Koh-le!", ruft der Vorschreier durch's Megafon. "Sto-ppen!", antworten die gut 200 Demonstranten. Trillerpfeifen gellen, Trommelschläge hallen durch die nasskalte Luft. Dann halten sich die rotbejackten Teilnehmer in langer Reihe an den Händen und bilden eine symbolische rote Linie rund um das Dörfchen im Leipziger Süden.

Ihre Botschaft - bis hierher und nicht weiter - richtet sich an den Betreiber des Braunkohletagebaus Vereinigtes Schleenhain, an dessen Grenze Pödelwitz liegt. Denn ab 2026 will die Mitteldeutsche Braunkohlegesellschaft, kurz Mibrag, ebendie an diesem Sonntagnachmittag gebildete rote Linie überschreiten und das 700 Jahre alte Dorf wegbaggern: Unter Pödelwitz lagern rund 20 Millionen Tonnen Braunkohle.

Das passt nicht nur Naturschützern und evangelischer Kirche nicht - sondern auch knapp 30 wackeren Dorfbewohnern, die sich seit Jahren gegen eine Umsiedlung sperren. Einer von ihnen, Thilo Kraneis von der Bürgerinitiative Pro Pödelwitz, sagt bestimmt: "Wir wollen bleiben", und begründet: "Wir leben hier ja im Paradies!"

Auch beim Bund für Umwelt- und Naturschutz Sachsen ist die Haltung klar: Dass im 21 Jahrhundert ein ganzes Dorf für eine der schmutzigsten Formen der Energiegewinnung weichen soll, sei schlicht nicht zeitgemäß, heißt es dort. Wolle man die Ziele des Pariser Klimavertrags einhalten, sei es im Gegenteil nötig, schnellstens aus der Kohleverstromung auszusteigen.

Die Mibrag jedoch hat sich vertraglich verpflichtet, das nahe gelegene Kraftwerk Lippendorf mit Kohle zu versorgen - bis ins Jahr 2040. Dazu braucht man dem Unternehmen zufolge die Kohle unter Pödelwitz; weshalb man 2012 einen Grundlagenvertrag mit der Gemeinde Groitzsch schloss, zu der das Dorf gehört. 90 Prozent der damals noch 130 Pödelwitzer hätten einer Umsiedlung zugestimmt, so die Mibrag. Sie erhielten Entschädigungen und zogen weg - nicht jedoch Thilo Kraneis und seine 27 Mitstreiter.

Die Mibrag stützt sich bis heute auf dieses Bürgervotum. Man bleibe gegenüber allen Einwohnern gesprächsbereit, teilt Unternehmenssprecherin Sylvia Werner zwar mit, ergänzt aber: "Wir halten an der Umsetzung der von den Pödelwitzern geforderten Umsiedlung fest." Und: Diese Umsiedlung sei ein besonderes Beispiel, "weil die Initiative dazu von der Mehrheit der Einwohner selbst ausgegangen ist".

"Eben, von der Mehrheit", sagt dazu Thilo Kraneis, mit starker Betonung auf "Mehr-". Es gebe keinerlei Verpflichtung, "also können wir auch bleiben." Ähnlich argumentiert Friederike Kaltofen, Pfarrerin des Kirchspiels Groitzsch und zuständig für Pödelwitz. "Wer bleiben will, muss bleiben können", sagt sie. Dabei gehe es nicht um das Schaffen von Feindbildern, sondern um das Eintreten für das Recht der Menschen, betont die Pfarrerin. Es sei aber auch eine "Frage der Schöpfung", wenn ein Dorf mit 700-jähriger Geschichte fallen solle, um ein Jahr lang ein Kraftwerk zu befeuern. "Das steht nicht im Verhältnis", sagt Kaltofen.

Die Pfarrerin hat sich daher mit Greenpeace, BUND und Pro Pödelwitz zusammengetan. Regelmäßig veranstaltet das Bündnis öffentlichkeitswirksame Aktionen wie die rote Linie. Denn Pödelwitz ist nicht das erste Dorf, das in der Gegend dem Tagebau weichen soll.

Zuletzt war vor einigen Jahren das benachbarte Heuersdorf in die Schlagzeilen geraten. Dort konnte 2007 immerhin die kleine Emmauskirche vor der Abbaggerung gerettet werden: In einer spektakulären Transportaktion wurde sie ins nahe gelegene Borna umgesiedelt, wo sie seither als letztes Überbleibsel des Dorfes als Touristenmagnet dient.

In Pödelwitz sind die Menschen noch optimistisch, dass es dort nicht soweit kommt. Sollte 2019 die Fördergenehmigung für die Kohle unter dem Dorf erteilt werde, müsse eben juristisch weitergestritten werden, findet Thilo Kraneis, zur Not bis auf EU-Ebene: "Solange wir den Klageweg beschreiten, muss der Bagger warten."

epd ost sue bue

Von Johannes Süßmann (epd)