Kirche
Pfarrerin und DDR-Oppositionelle Ruth Misselwitz geht in Ruhestand
Berlin (epd). Die Berliner Pfarrerin und frühere DDR-Oppositionelle Ruth Misselwitz geht nach 36 Jahre Pfarrdienst in der Kirchengemeinde Berlin Alt-Pankow in den Ruhestand. Die 65-Jährige wird am Sonntag mit einem Festgottesdienst in der Dorfkirche Pankow verabschiedet, kündigte die Kirchengemeinde auf ihrer Internetseite an. Im Anschluss lade die Gemeinde zu einem Sommerfest ein.

Misselwitz war eine wichtige Vertreterin der kirchlichen Friedens- und Umweltbewegung in der DDR. Mit ihr verliert die evangelische Kirche eine streitlustige und unangepasste Pfarrerin und Friedensaktivistin, die in den vergangenen vier Jahrzehnten ihre Stimme gegen gesellschaftliche, politische und kirchliche Missstände erhoben hat - in der DDR wie auch im vereinten Deutschland.

Gemeinsam mit ihrem Mann Hans sowie mit dem Grafiker Martin Hoffmann, der Dokumentarfilmerin Freya Klier und der heutigen CDU-Politikerin Vera Lengsfeld (damals Wollenberger) gründete sie 1981 den Friedenskreis Pankow, eine der größten unter dem Dach der evangelischen Kirche agierenden Oppositionsgruppen in der DDR. Auch nach dem Fall der Mauer engagierte sich Misselwitz weiter. Seit 1998 arbeitet sie im Bürgerkomitee Pankow gegen Rechtsextremismus und Gewalt mit. Von 2001 bis 2010 war sie Vorsitzende der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und gehört dem Kuratorium der Stiftung Friedliche Revolution in Leipzig an.

Für ihr Engagement wurde die 1952 im brandenburgischen Zützen geborene Theologin mehrfach geehrt. 1991 erhielt sie den Verdienstorden des Landes Berlin, im Jahr 2000 gemeinsam mit der Brandenburger Aufarbeitungsbeauftragten Ulrike Poppe und der Naumburger Jugendpfarrerin Andrea Richter den Gustav-Heinemann-Preis der SPD. 2014 wurde Misselwitz zudem mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Rückblickend auf ihre 36-jährige Dienstzeit im Pfarramt sagte sie der Wochenzeitung "Die Kirche" (Ausgabe 16. Juli), die schwersten Jahre ihres Pfarramtes seien die nach der Wende gewesen mit dem reihenweisen Wegfall von Pfarrstellen im Osten begleitet von einer heftigen Kirchenaustrittswelle. Als maßgebliche Gründe für diese Entwicklung nannte Misselwitz vor Jahren in einem Interview neben dem Einzug der Kirchensteuer durch den Staat und dem Militärseelsorgevertrag den schulischen Religionsunterricht. "Da haben viele gesagt, das ist jetzt keine kritische Kirche mehr, sondern eine konservative Staatskirche - die wollen wir nicht."

epd ost mg cxm