Kultur
Nach NS-Zeit und Kriegswirren: Kunst kehrt nach Thüringen zurück
Expressionistisches Gemälde und Elfenbeingefäß wieder in Erfurt und Gotha
Gotha/Erfurt (epd). Zwei seit dem Kriegsende verschollene Kunstwerke sind an ihre angestammten Ausstellungsorte in Thüringen zurückgekehrt: Ein von den Nazis beschlagnahmtes Gemälde ist künftig wieder im Erfurter Angermuseum, ein kunstvoll gestaltetes Trinkgefäß aus Elfenbein auf Schloss Friedenstein in Gotha zu sehen. Beide Fälle wurden zur Präsentation am Mittwoch als Sensation und kleines Wunder bezeichnet, die durch das konzertierte und diskrete Vorgehen vieler Partner möglich geworden seien.

Die ein Stück weit verrücktere Geschichte passierte dabei den Gothaern. 1945 entwendete ein Mitarbeiter der Schlossbibliothek den Elfenbein-Humpen aus der Fürstengruft des Schlosses, wohin er noch zu Kriegszeiten ausgelagert worden war. Im Zuge einer Versteigerung eines Heidelberger Auktionshaus tauchte der Humpen 2015 erstmals wieder in die Öffentlichkeit auf. Obwohl das äußerst wertvolle Trinkgefäß nach Angaben der Thüringer Staatskanzlei eindeutig als das in Gotha seit 1945 vermisste Stück identifiziert wurde und auch unstrittig war, dass die Stiftung Schloss Friedenstein als Rechtsnachfolgerin des damaligen Gothaer Museums ihr Eigentum daran nicht verloren hat, erhielt sie das Stück nicht zurück.

Die Begründung dafür lässt sich für Nichtjuristen nur schwer nachvollziehen: Der Anspruch auf Herausgabe, so Thüringens Kultur-Staatssekretärin Babette Winter (SPD) sei verjährt. Erst die gemeinsame finanzielle Kraftanstrengung des Landes Thüringen, der Kulturstiftung der Länder und der Ernst von Siemens Kunststiftung sowie die Unterstützung privater Spender und der Einsatz von Eigenmitteln der Gothaer Stiftung konnte die Kaufsumme von über 350.000 Euro zusammenbringen, die für den Rückkauf im Dezember 2017 nötig waren.

Auch Sicht der Beteiligten war es dennoch ein gutes Geschäft. Sockel und Deckel des prunkvollen Trinkgefäßes, das Herzog Johann Adolph I. von Sachsen-Weißenfels (1649-1697) seinem Schwager Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg (1646-1691) zum Geburtstagsgeschenk machte, bestehen aus vergoldetem Silber, ringsherum sind Elfenbein-Schnitzereien im Halbrelief eingefasst. Gefertigt wurde der Humpen zwischen 1670 und 1680 wohl von Christoph Maucher (1642-1706) in Danzig. Die originale Deckelbekrönung, eine elfenbeinerne Figur des Priesters Aaron, die sich die ganze Zeit in Schloss Friedenstein befunden hatte, und das Gefäß sind nun wieder vereint.

Nicht ganz so teuer ging es in Erfurt zu, dennoch war auch hier die Freude groß. Es sei gelungen, Christian Rohlfs (1849-1938) "Weiden II" bei einer Auktion Anfang Dezember für 68.500 Euro zu ersteigern, sagte der Direktor der Kunstmuseen Erfurt, Kai Uwe Schierz, am Mittwoch. Das Ölgemälde von 1904 zeigt eine expressionistische Landschaftsszene in der Nähe von Weimar. Ab der kommenden Woche soll es in der Dauerausstellung des Angermuseums gezeigt werden.

Schierz zufolge hatten die Nazis 1937 im Zuge der NS-Propagandaaktion "Entartete Kunst" allein in Erfurter Museen 1.074 Grafiken, Zeichnungen, Gemälde und Skulpturen sogenannter Verfallskunst beschlagnahmt. Die meisten seien dadurch für die Thüringer Landeshauptstadt unwiederbringlich verloren gegangen.

Auch Rohlfs Werk sei nach der Beschlagnahme verschlungene Wege gegangen, ehe es ein privater Sammler 2012 wieder auf dem Kunstmarkt anbot, erläuterte Schierz. Mit Unterstützung der Stadt und der Ernst von Siemens Kunststiftung habe der Förderverein des Angermuseums das Gemälde Anfang Dezember schließlich ersteigern können.

epd ost dl yj

Von Dirk Löhr (epd)