Kirche
Lieberknecht erwartet starke Impulse von Papstbesuch
Religionssoziologe äußert sich skeptisch zu ersehntem "Umkehrschwung"
Erfurt (epd). Der Deutschlandbesuch von Papst Benedikt XVI. wird nach Ansicht von Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) nicht nur dem Dialog zwischen den Kirchen neue Impulse verleihen. Für die Politikerin und evangelische Theologin vermittelt die bevorstehende Visite zudem Anregungen zu einer breiten Diskussion über die Bedeutung von christlichen Werten in Staat und Gesellschaft. Sie sehe in dem Besuch von Benedikt XVI. im Freistaat die Chance, dass viele Menschen ohne kirchliche Bindungen einmal innehalten und "sich mit Themen befassen, die wir als christliche Werte bezeichnen", sagte Lieberknecht in einem epd-Gespräch.

Den Besuch im Freistaat sehe sie auch als Zeichen der Anerkennung insbesondere der katholischen Christen in Thüringen für deren Unbeugsamkeit in den Jahren der deutschen Teilung, betonte Lieberknecht. Zudem besuche der Papst mit Thüringen ein Kernland der Reformation. "Seine Begegnung mit der Spitze der evangelischen Kirche im Erfurter Augustinerkloster und sein Wortgottesdienst an dem Ort, wo der spätere Reformator Martin Luther 1507 seine erste Messe gelesen hat, werden historische Momente für die Christen weltweit", zeigte sich Lieberknecht überzeugt.

Nach Einschätzung des Religionssoziologen Gert Pickel wird der Besuch hingegen das zuweilen negative Image der katholischen Kirche nicht zum Besseren wenden. Zwar werde die Reise von Benedikt XVI. von ihr als "Strohhalm" angesehen. Aber der ersehnte "Umkehrschwung" werde nicht gelingen, sagte der Leipziger Universitätsprofessor in einem epd-Gespräch. Der Verlust bei Mitgliedern und im öffentlichen Ansehen, gerade durch die 2010 aufgedeckten Missbrauchsfälle, werde durch den Papstbesuch sicher nicht wieder wettgemacht werden können.

Enttäuscht äußerte sich die Reformbewegung "Wir sind Kirche" über Äußerungen zum bevorstehenden ökumenischen Treffen. Benedikt XVI. habe schon deutlich gemacht, dass von der Begegnung mit der EKD nichts Sensationelles zu erwarten sei. Die Erwartungen würden auf Null heruntergeschraubt, kritisierte Christian Weisner von der Kirchenvolksbewegung. Die Reformbewegung warf der katholischen Amtskirche zudem "Pomp" und "inszenierten Personenkult" vor.

Derweil stößt das von zwei Kölner Priestern für Mittwochabend geplante Abendmahl für Christen aller Konfessionen auf heftigen Widerstand beim Erzbistum Berlin. Wie der Berliner "Tagesspiegel" (Dienstagsausgabe) berichtet, hat Erzbischof Rainer Maria Woelki den beiden vom Dienst suspendierten Priestern in einem Brief "mit rechtlichen Konsequenzen" gedroht. Das Abendmahl soll in der evangelischen St.-Thomas-Kirchengemeinde in Berlin-Kreuzberg gefeiert werden (19 Uhr). Dabei sind anders als sonst bei katholischen Messen Christen aller Konfessionen zum Abendmahl eingeladen. Die beiden katholischen Geistlichen aus Köln haben nach eigenen Angaben ihr Amtspriestertum 1998 aufgegeben, verstehen sich aber weiterhin als Priester.

Unterdessen wurde bekannt, dass auf den Wohnsitz von Papst Benedikt XVI. in Berlin, die Apostolische Nuntiatur im Stadtteil Neukölln, in der Nacht zu Dienstag ein Farbanschlag verübt worden ist. Der Staatsschutz habe Ermittlungen aufgenommen, sagte ein Polizeisprecher in der Bundeshauptstadt.

epd ost bue