Soziales
Letzte Ruhe im Denkmal
Brandenburg will sein Bestattungsgesetz ändern
Stahnsdorf/Potsdam (epd). Ganz am Ende steht in der äußersten nordwestlichen Ecke des Friedhofs ein kleines steinernes Haus. Zwei große Rhododendren wachsen von Säulen und kleinen Mauern geschützt zu beiden Seiten des Bauwerks, die Metalltüren zur Anlage sind mit kunstvoll gestalteten Blumenornamenten verziert. In dem Mausoleum auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof hat der Sprachwissenschaftler und Verlagsgründer Gustav Langenscheidt (1832-1895) seine letzte Ruhe gefunden.

Mehr als 20 historische Mausoleen gibt es auf dem größten evangelischen Friedhof in Deutschland, dazu gehört auch die Grabstätte des Nosferatu-Regisseurs Friedrich Wilhelm Murnau (1888-1931). Um besondere Grabmäler auf dem mehr als 200 Hektar großen Landschaftsdenkmal am südlichen Berliner Stadtrand erhalten zu können, vergibt der Friedhof auch Grabpatenschaften. Die Paten verpflichten sich zur Instandhaltung und können sich nach ihrem Tod dort beisetzen lassen. Doch bei den Mausoleen gibt es dabei ein Problem: Sie dürfen nach derzeitiger Rechtslage keine neuen Särge aufnehmen.

Interesse an Patenschaften für diese Mausoleen gebe es durchaus, sagt Friedhofsverwalter Olaf Ihlefeldt. Drei Anfragen dafür hat er zur Zeit auf dem Tisch, doch er kann nicht weiterhelfen. "Bisher mussten wir alle mehr oder weniger freundlich abwimmeln", sagt Ihlefeldt. Ein Bauunternehmerehepaar aus Süddeutschland sei darunter. "Die warten seit vier Jahren auf ein Mausoleum", erzählt der Friedhofsverwalter. Ein Männerpaar aus Berlin habe sich ein kleines Mausoleum ausgesucht, auch dort sei eine Sargbestattung bisher ausgeschlossen. Er würde das gerne ändern.

Nun könnte der brandenburgische Landtag weiterhelfen. Dort wird seit einiger Zeit an einer Novellierung des Bestattungsgesetzes gearbeitet, am kommenden Donnerstag sind Sachverständige zu einer Anhörung eingeladen. "Erdbestattungen dürfen nur auf Friedhöfen vorgenommen werden", heißt es im bisherigen Gesetz. Künftig soll das genauer gefasst werden. "Erdbestattungen dürfen nur auf Friedhöfen in der Erde, in einer unterirdischen Gruft oder einem oberirdischen Grabgebäude vorgenommen werden", heißt es in der Neufassung.

Auch andere Änderungen sind geplant: Die 48-stündige Wartefrist für Bestattungen nach "Eintritt des Todes" soll künftig aus religiösen Gründen verkürzt werden können, um auch Beisetzungen nach islamischem Ritus möglich zu machen. Denn der Koran sieht Bestattungen innerhalb von weniger als 24 Stunden nach dem Tod und möglichst noch am Todestag vor.

Und die Vorschrift, bei Feuerbestattungen die Asche vollständig in einer Urne beizusetzen, soll fallen, um die Verarbeitung zu künstlichen Diamanten und "Erinnerungskristallen" zu legalisieren: "Die Entnahme einer geringfügigen Menge der Totenasche ist zulässig, wenn dies dem schriftlich verfügten Wunsch der verstorbenen Person entspricht und der Verwendungszweck dem sittlichen Empfinden der Allgemeinheit nicht widerspricht", heißt es im neuen Gesetzestext.

Die Kirchen sehen das kritisch. Der Leichnam des Menschen werde damit zum Gegenstand gemacht und seiner Würde beraubt, kritisiert der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Markus Dröge: "Und was geschieht am Ende mit diesen sterblichen Überresten, wenn sie niemand mehr haben will?"

Auch Olaf Ihlefeldt kann mit der Diamanten-Regelung nichts anfangen. "Das ist eine Spielerei mit einer der altehrwürdigsten Kulturen", kritisiert der Friedhofsverwalter: "Ich kann ja auch nicht den Ringfinger von Opa abhacken bei einer Erdbestattung." Ein "Stückchen Asche des Verstorbenen im Dekolleté hängen zu haben", sei eine große psychische Belastung für den Schmuckträger, sagt Ihlefeldt: "Wir müssen uns von dem Menschen und seinem Körper lösen."

Friedhofsbesucher kämen gelegentlich auf das Thema zu sprechen, sagt er. Wenn er die ethischen Probleme dann genauer erkläre, nähmen sie meist schnell wieder Abstand. "Wir Menschen haben auch über unseren Tod hinaus eine Würde", betont Ihlefeldt, der sich bereits seit 29 Jahren um das Wohl des Südwestkirchhofs kümmert. Er sieht Familienstreitereien nach Feuerbestattungen heraufziehen, wenn ein Angehöriger ein bisschen Asche haben darf und ein anderer nicht. "Und was die Leute total unterschätzen, ist, was für ein minimaler Anteil der Asche da in den Diamanten kommt", sagt der Friedhofsverwalter.

Doch große Sorgen macht er sich trotz der Legalisierungspläne nicht. "Die große Masse kann es sich sowieso nicht leisten", sagt Ihlefeldt: "Das ist unverschämt teuer."

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Von Yvonne Jennerjahn (epd)