Kultur
Mitglieder der "Meyersdorfer Meute", Foto von 1943
© epd-ost / Stadt Leipzig
In Lederhosen gegen die Hitlerjugend
Leipziger Schulmuseum widmet sich einer der größten oppositionellen Jugendgruppen in der NS-Zeit
Leipzig (epd). Sie hießen "Hundestart", "Lille" oder "Reeperbahn". Ihr Erkennungszeichen: bayerische Lederhosen, derbe Wanderschuhe und ein Metall-Totenkopf an der Brust. Die "Leipziger Meuten" gehörten zu den größten oppositionellen Jugendgruppen in der NS-Zeit. Doch anders als die Kölner "Edelweißpiraten", die als der Inbegriff des jugendlichen Protests gegen das Hitler-Regime gelten, sind sie über Jahrzehnte in Vergessenheit geraten.

Eine neue Dauerausstellung im Leipziger Schulmuseum will ihnen nun wieder einen Platz in der Geschichte der Stadt einräumen. Am Montag ist sie eröffnet worden.

"Vor 1933 gab es in Leipzig eine sehr vielfältige Landschaft an Jugendgruppen - bündische Jugend, Pfadfinder, konfessionelle Gruppen, politische Organisationen von SPD und KPD und die ersten 'Swingkids'", erklärt Ausstellungs-Projektleiter Alexander Lange. Doch mit der Machtergreifung Hitlers wurden sie zerschlagen, die Gruppen lösten sich auf oder agierten noch eine Weile im Untergrund.

Mitte der 30er Jahre bildeten sich dann die "Leipziger Meuten", ein loser Verbund mehrerer über die Stadt verteilter Gruppen. Ihre Mitglieder waren zuvor meist in einem der sozialdemokratischen oder kommunistischen Kinder- und Jugendverbände organisiert.

"Die Jugendlichen trafen sich an öffentlichen Plätzen, unternahmen Fahrten in die Natur, organisierten Heimabende oder politische Gespräche", sagt Lange. Die Hitlerjugend und den Bund Deutscher Mädel (BDM) lehnten sie ab. Wurden sie zunächst als "großstädtische Rowdies" abgetan, so gerieten sie zunehmend in Konflikt mit dem NS-Regime. "Sie griffen Mitglieder der Hitlerjugend an, demolierten deren Heime, verteilten Flugblätter und hörten verbotene Sender wie BBC London."

Rund 1.500 Jugendliche seien 1938 bei den "Leipziger Meuten", deren Name von der Gestapo geprägt wurde, organisiert gewesen, heißt es. Nach Angaben des Schulmuseums gehörte die Messestadt damit zu den Zentren jugendlicher Opposition. Trotz dieser Größe blieben sie nach 1945 weitgehend unbekannt, da sie nicht als Teil des kommunistischen Widerstandes galten. "Für informelle Jugendgruppen war in der DDR kein Platz", sagt Lange.

Die nationalsozialistische Justiz reagierte mit harten Strafen. So wurden ab 1938 mehrere Prozesse wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" und "Neubildung von Parteien" gegen etwa hundert Jugendliche geführt. Durch Gefängnis, Zuchthaus und Haft in Konzentrationslagern wurden die Jugendgruppen zerschlagen. Das Leipziger Jugendamt errichtete zudem ein KZ-ähnliches "Jugendschulungslager" in Mittweida, wo allein 1939 mehr als 30 Angehörige der "Meuten" auch ohne Gerichtsurteil zwangseingewiesen wurden. Die "Leipziger Meuten" verschwanden aus dem Stadtbild.

Mit Hilfe von Zeitzeugen-Interviews, historischen Zeitschriften, Alltagsgegenständen und Schautafeln wird nun die Geschichte ihrer Entstehung Mitte der 30er Jahre bis hin zu ihrer Zerschlagung wenige Jahre später erzählt. "Viele Fotos sind leider nicht geblieben, da die wenigen, die existierten, meist Ende der 40er Jahre aus konspirativen Gründen vernichtet wurden", erklärt Lange.

Für ihn ist die Ausstellung heute vor allem aus einem Grund besonders wichtig: "Trotz ihres jugendlichen Alters konnten sich die 'Leipziger Meuten' eine eigene Meinung bilden", sagt er. "Sie können den Jugendlichen heute zeigen, dass es selbst in dieser Zeit möglich war, aufzubegehren oder sogar in den Widerstand zu gehen."
Das Schulmuseum ist montags bis freitags von 9 bis 16 Uhr geöffnet. www.schulmuseum-leipzig.de

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Stephanie Höppner (epd)