Ethik
Land unter in der Altstadt
Vor 15 Jahren erlebte Sachsen eine Jahrhundertkatastrophe
Dresden/Grimma (epd). In die sächsischen Geschichtsbücher geht es mit Sicherheit ein: Das Jahrhunderthochwasser von 2002. Sachsen erlebte eine Katastrophe größeren Ausmaßes. Der Pegel der Elbe erreichte am 17. August mit 9,40 Metern seinen absoluten Höchststand. Der Schaden allein im Freistaat wurde auf sechs Milliarden Euro beziffert. Aber auch andere Bundesländer sowie Tschechien und Österreich waren von der Katastrophe schwer betroffen. Statistisch gesehen ereignet sich so eine Flut alle 200 Jahre.

Dutzende Tote, Hunderte Verletzte, Zehntausende Obdachlose und Hunderttausende Evakuierte - das war die erschütternde Opferbilanz der 20 Tage im August 2002. Das Tief "Ilse" hatte quer über Europa schwere Niederschläge ausgelöst. Am 12. August erreichte die Katastrophe Sachsen.

Gleich zu Beginn wurde der kleine Ort Weesenstein im Müglitztal nahe Pirna (dessen Altstadt ebenfalls in den Fluten versank) komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Einen Tag später stand die historische Dresdner Altstadt unter Wasser. Durch den berühmten Zwinger floss eine braune Brühe, Semperoper und Kunstsammlungen bangten um ihre Schätze.

Land unter hieß es auch im sächsischen Grimma bei Leipzig, wo die Mulde mit ungeahnter Wucht über ihre Ufer tritt und die Innenstadt überflutet. Christian Behr - heute Superintendent in Dresden, damals Pfarrer in Grimma - erinnert sich: Von dem Moment an, als das Wasser stieg, habe er nicht mehr geschlafen. Nach der Überflutung der Stadt sei er den ganzen Tag mit einem Freund in einem Motorboot herumgefahren und habe Menschen evakuiert.

Die evangelische Stadtkirche in Grimma wurde für fast 60 Menschen zum rettenden Anker. Zwar stand das Wasser in der Frauenkirche 1,80 Meter hoch. Doch die Menschen flüchteten sich auf die Emporen. "Um die Kirche herum hat das Wasser gewühlt", erinnert sich Behr. Irgendwann seien auch die Schlauchboote nicht mehr durchgekommen. Selbst Motorboote hatten es schwer.

Beherzt zeigte sich auch Grimmas Oberbürgermeister Matthias Berger (parteilos). Mit anderen Helfern setzte er sich in einen Radlader und fuhr durch die reißenden Fluten, um Menschen aus ihren Häusern zu retten.

Der damals 34-jährige Berger beziffert die Schäden auf 250 Millionen Euro. "Genau genommen war es aber auch eine erlebnisreiche Zeit", sagt der Oberbürgermeister. Grimma habe "eine unglaubliche Unterstützung erfahren". Es sei eine sehr intensive und emotionale Zeit gewesen, vor allem aber eine unbürokratische. "Es ist erstaunlich, was wir als Menschen auch in Deutschland für Energie, Kräfte und Emotionen freisetzen können", betont er mit Blick auf die Flut 2002.

Dabei traf es Grimma elf Jahre später gleich noch einmal: 2013 wütete das zweite große Hochwasser in der Kleinstadt. Wieder gab es Schäden im dreistelligen Millionenbereich. Wieder galt es ein Trauma zu verdauen.

Dabei habe sich Grimma "sehr konsequent" beim Hochwasserschutz auf den Weg gemacht, wie Berger sagt. Seit 2007 baut das Land eine mehr als zwei Kilometer lange und bis zu 3,50 Meter hohe Flutschutzmauer entlang der historischen Bebauung und der Stadtmauer. Doch 2013 nützte sie noch nichts. Nach Angaben der Landestalsperrenverwaltung ist die gesamte Anlage erst 2018 vollständig geschlossen. Dann sind in das Projekt rund 45 bis 50 Millionen Euro geflossen. Bis dahin sichert die Kommune nun auf eigene Faust die noch vorhandenen Lücken mit Riesensandsäcken. Rund 400 Säcke sind laut dem Oberbürgermeister installiert.

Auch Dresden hat sich gegen eventuelle Wassermassen gerüstet: Flutschutztore aus Stahl können im Ernstfall an der Elbe hochgezogen werden. "15 Jahre nach dem Extremhochwasser von Weißeritz und Elbe sind wir in vergleichbaren Situationen gerüstet", sagt Umweltbürgermeisterin Eva Jähnigen (Bündnis 90/Die Grünen). Weitere Schutzanlagen in Dresden sollen entstehen.

Naturschützer kritisieren dagegen noch immer zu wenig Überschwemmungsflächen in Sachsen. Sie setzen auf natürliche Räume, weniger auf technische Bauten. "An der Elbe müssen sinnvolle Prioritäten gesetzt werden. Hochwasser gehört in die Aue und nicht in unsere Wohnzimmer", sagt Felix Ekardt vom Naturschutzbund Sachsen. Auch die Grünen im sächsischen Landtag kritisieren das "Schneckentempo" beim ökologischen Hochwasserschutz.

Dafür brachte die Flut auch Innovatives: In Dresden etwa schwebt nun ein Depot für Kunstwerke in 17 Metern Höhe über dem Innenhof des Albertinums. Die sogenannte Arche bietet rund 6.000 Gemälden der Galerien Alter und Neuer Meister Platz.

Grimmas Oberbürgermeister sieht heute seine Stadt "wieder dort, wo wir vorher waren." Aber in den Köpfen der Bewohner bleibe die "latente Angst", erneut Opfer zu werden.

epd ost kr mg

Von Katharina Rögner (epd)