Ethik
Mit einer Menschenkette um die Altstadt haben rund 13.000 Dresdner am Montagabend (13.02.2012) ein Zeichen gegen Rechtsextremismus und Gewalt gesetzt (Foto vor der Frauenkirche).
© epd-bild / Wolfgang Schmidt
Geteilter Gedenktag
Dresden erinnert an die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und muss sich zugleich eines Neonazi-Aufmarsches erwehren
Dresden (epd). Kerzen brennen auf eigens aufgestellten Tischen an der Dresdner Frauenkirche. Namen sind auf die Windlichter geklebt: "Lieselotte, geboren 1929", "Annelies, geboren 1927". Die Flammen tanzen an diesem Wintertag unruhig in ihrem Glas hin und her, Menschen stehen still vor den Tischen. Einwohner haben Lichter aufgestellt, um an ihre in der Bombennacht umgekommenen Angehörigen zu erinnern.

Seit Jahrzehnten gehört es zum Ritual in Dresden, an jedem 13. Februar Kerzen an der Frauenkirche aufzustellen. Am Montag erinnerte die Stadt erneut an ihre Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. Dresden gilt auch international als eines der Symbole kriegerischer Zerstörung. Alliierte Bomber legten vom 13. bis 15. Februar 1945 fast das komplette historische Zentrum in Schutt und Asche. Bis zu 25.000 Menschen kamen in der Feuerbrunst ums Leben.

Auf dem traditionellen Gedenken auf dem Dresdner Heidefriedhof sagt Dresdens Erster Bürgermeister, Dirk Hilbert (FDP): "Die Fackel des Krieges kam in Form von vernichtenden Bomben am 13. Februar zurück". Neben ihm legen auch Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) sowie weitere Vertreter aus Politik, Kirchen und der jüdischen Gemeinde weiße Rosen nieder.

Doch zu einem Gedenktag für Krieg und Naziherrschaft will nicht so richtig passen, dass bereits am Vormittag starke Polizeieinheiten an bestimmten Orten der Stadt zusammengezogen sind. Hunderte Polizei-Kleinbusse sind zu sehen, Absperrzäune stehen vor allem im Gebiet um den Hauptbahnhof. Jahrzehnte lang prägte eine eher stille Erinnerungskultur mit Andachten, Gottesdiensten und Konzerten den emotional aufgeladenen Gedenktag.

Doch seitdem regelmäßig auch Tausende Neonazis zu einem sogenannten "Trauermarsch" aufziehen, hat sich das geändert. Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) rief erneut zu einer Menschenkette für den symbolischen Schutz der Stadt vor den Rechten auf. Die Polizei zählt trotz schlechten Wetters 13.000 Menschen, die Kette umschließt auf einer 3,6 Kilometer langen Strecke die historische Altstadt. Der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer, der in einem Gottesdienst predigt, lobt kurz zuvor die Aktion: "Der Menschenring um die vernarbte Altstadt ist eine gute Antwort auf alles Missbräuchliche".

Parallel zur Menschenkette wächst in der Dunkelheit vor der Frauenkirche die Installation "10.000 Kerzen für Dresden". Tausende Lichter formen eine fast 20 Meter große Kerze auf dem Boden des Neumarktes. Das Lichtermeer steht für Toleranz, Verständigung und Versöhnung.

Doch während Menschenkette und Lichtermeer den Neonazis ein symbolisches Zeichen entgegensetzen, will das Bündnis "Dresden Nazifrei" den braunen Umzug einfach blockieren. Zweimal ist das bisher gelungen, 2010 und 2011. Als Reaktion darauf zogen die Rechtsextremisten ihren diesjährigen zweiten Großaufmarsch am kommenden Samstag zurück. Doch es drohen Auseinandersetzungen wie im vergangenen Jahr. Die Polizei ist mit 4.500 Beamten und weiteren Bundespolizisten im Einsatz. Die sächsischen Behörden werten Blockaden genehmigter Aufmärsche als Rechtsbruch.

Das Bündnis "Nazifrei" sieht es dagegen als sein gutes Recht an, Rechtsextremisten zu stoppen und kann auf prominente Unterstützer zählen, darunter den Generalsekretär des Zentralrats der Juden Stephan Kramer. Vor dem Neonazi-Aufmarsch zieht das Bündnis zunächst auf einem Gedenkmarsch zu Orten von Naziverbrechen durch Dresden. Die Teilnehmerzahl wird erst mit 1.000 angegeben, zum Schluss mit 2.500.

Am Abend sammeln sich die Rechtsextremisten in der Nähe des Hauptbahnhofs. Verschiedene Medien berichten im Internet mit "Live-Tickern" über das aktuelle Geschehen. Der Platz, auf dem sich nach Polizeiangaben rund 1.000 Neonazis versammelt haben, ist hermetisch von Sicherheitskräften abgeriegelt. Im Vergleich zu den Vorjahren ist die Beteiligung der Rechtsextremisten verhältnismäßig schwach. An verschiedenen Stellen im Umfeld der Neonazi-Demonstrationsroute haben sich die Gegendemonstranten gesammelt, an einer Kreuzung sind es gut 1.000.

Landespolizeipräsident Bernd Merbitz zeigt sich am Abend zunächst zufrieden. Im Vergleich zu den Krawallen am 19. Februar 2011 sei der Tag vergleichsweise ruhig. Es könne aber noch spannend werden, wenn die Rechtsextremisten von ihrem Sammelpunkt auf die Demonstrationsroute ziehen, sagt er.

epd ost zip mg

Marius Zippe (epd)