Mehrere Hundert Teilnehmer waren in das Parlamentsgebäude eingeladen. Eine Gruppe diskutierte mit den Bundestagsvizepräsidenten Katrin Göring-Eckardt (Grüne) und Wolfgang Thierse (SPD). Eine andere konnte deren Amtskollegin Petra Pau (Linke) sowie den Bundestagsabgeordneten Kerstin Griese (SPD) und Kai Gehring (Grüne) auf den Zahn fühlen.
Wie vieles in diesen Tagen war die Organisation bisweilen improvisiert. Ehrenamtliche übernehmen hier und da die deutsch-englische Übersetzung und sorgen für Lacher, wenn sie bei aller Konzentration auch mal Fehler machen. "Ich will hier keine üble Nachrede", scherzt Thierse, als der junge Mann neben ihm bei der Vorstellungsrunde die Sozialdemokratische Partei Deutschlands mit "CDU" übersetzt. Wenige Minuten später überlegt er stirnrunzelnd, wie er "Bruttoinlandsprodukt" für die ausländischen Gäste verstehbar machen soll. Am Ende klingt es in etwa so: "Brouddoinlandsprodakt".
Sprachhürden gewohnt, geht es in den Gruppen aber schnell wieder zur ernsthaften Diskussion. Caroline aus England will schließlich immer noch wissen, ob sich Thierse eine Welt ohne Grenzen vorstellen kann. Der langjährige Politiker antwortet diplomatisch: "Staatsgrenzen sind historisch gewachsen und nicht immer vernünftig." Sie auf einmal einzureißen, sei aber auch nicht vernünftig. Reiche Staaten müssten aber zumindest dafür sorgen, dass Familien durch Asyl- und Einwanderungspolitik nicht auseinandergerissen werden, fordert Thierse. Göring-Eckardt nickt. "Und wir brauchen eine Kultur des Willkommens", fügt sie noch an.
Ein paar Räume weiter geht es um Menschenrechte und Finanzpolitik. Die Taizé-Teilnehmer wollen wissen, ob es alle deutschen Politiker richtig finden, dass Deutschland und Frankreich allem Anschein nach alleine die Entscheidungen in der Euro-Krise treffen. "Nein, das ist meiner Ansicht nach Sache des gesamten europäischen Parlaments", antwortet Kerstin Griese, die Kirchenbeauftragte der SPD-Fraktion ist.
Nach gut einer Stunde ist die Debatte vorbei. Die Teilnehmer dürfen noch auf die Besucherterrasse, um einen Blick über das erleuchtete Berlin zu erhaschen, bevor es schnell zurück zum Messegelände geht. Bis zum Abendessen ist es nicht einmal mehr eine halbe Stunde.
Christopher und Patrick stellen sich an die Schlage zur Aussichtsplattform an. So richtig überzeugt hat sie die Diskussion nicht. "Politiker reden ja viel", sagt Christopher. Patrick hat indes beeindruckt, wie Göring-Eckardt und Thierse zu ihrem Christsein stehen. "Das macht heute ja auch nicht mehr jeder", sagt der junge Mann.
Kurz zuvor hatte sich Göring-Eckardt, die auch Präses der Synode der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ist, mit der Zusage verabschiedet, am Freitag am Abendgebet teilzunehmen. Das Taizé-Treffen bezeichnet sie als "Energieschub für die Seele, die Demokratie und die demokratische Diskussionskultur". Sie sei davon überzeugt, "dass etwas von dem in Berlin bleibt, was Christinnen und Christen in diesen Tagen bewegt".
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