Kultur
Ein Ball mit 20.000 Unterschriften
Von London nach Moskau: Fußball als Botschafter für Respekt und Menschlichkeit
Erfurt (epd). Am Ende haben die "Blue Angels" im Erfurter Steigerwald-Stadion die Nase vorn. Zwei Mal haben die jungen Männer und Frauen den Ball im kleinen Tor der "Bunten Hunde" versenkt. Die Gegner blieben ohne Treffer. Obwohl bei den "Bunten" sogar der Ministerpräsident mitkickte. Oder gerade deswegen?

Bodo Ramelow (Die Linke) ist ehrlich genug, sein fast völlig fehlendes fußballerisches Geschick einzugestehen. Zudem mögen seine gute Hose und die schwarzen Lederschuhe ihn auch ein wenig behindert haben. Doch das lässt Andrew Aris vom Erfurter Verein "Spirit of football" nicht gelten: Als 1864 im Londoner Battersea Park erstmals nach Regeln Fußball gespielt wurde, traten die Teams auch im guten Zwirn gegeneinander an. Trikots und Stollenschuhe kamen erst viel später.

Aber bei den Spielen, die "Spirit of football" organisiert, geht es ohnehin um etwas anderes als professionellen Fußball: Gekickt wird in zwei kurzen Halbzeiten, oft nur à acht Minuten. Jeder Mitspieler hat nach der Ballannahme drei Sekunden Zeit. Das reicht, damit auch weniger begnadete Spieler Freude am Spiel haben. Omas und kleine Kinder können mitmachen - oder Ministerpräsidenten.

Jetzt, in den Wochen vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft am 14. Juni, sind 15 Aktivisten des Vereins mit ihrem Ball auf die Reise gegangen: Start zu ihrer "One Ball, one World"-Tour war am 25. März im Londoner Battersea Park. Durch 15 Länder geht es bis nach Russland, so der Plan. Dort soll der Ball pünktlich bis zum Beginn der WM am 14. Juni eintreffen. Allerdings fehlen dem Verein, der 2017 mit dem Integrationspreis des DFB ausgezeichnet wurde, noch die Visa für Russland.

Der "Spirit of Football"-Kick im Erfurter Steigerwald-Stadion hat erkennbar Spaß gemacht. Der Verein erlebt das immer wieder, in Schulen und Kindergärten, in Unternehmen und Sportvereinen, mit kleineren Menschen und Erwachsenen, in Fußballstadien oder Flüchtlingsheimen. Das Schema ist überall gleich: Die Teams finden sich und suchen nach einem Namen. Es wird betont fair gespielt. Fällt ein Tor, darf der Schütze den Jubel für alle vorgeben; es gibt den Flieger oder die Säge oder etwas Ausgefallenes. "Hauptsache, alle jubeln mit", sagt "Spirit"-Vorstand Sven Soederberg (36).

Nach dem Spiel kommt die Auswertung: Die Spieler werfen sich den Ball zu. Wer ihn hat, darf sagen, was ihm gefallen hat, und was nicht so sehr. "Ich finde es super, dass einfach alle mitmachen können", sagt Ramelow, als er an die Reihe kommt.

Mit dem Ball wird aber nicht nur gekickt, er ist auch die Chronik der Unternehmung. "Wer mag, macht einen Kopfball, und unterschreibt dann auf ihm", erklärt Andrew Aris. Mit der Zeit kommen so Tausende Signaturen zusammen. Die vielen farbigen Kritzeleien - Bodo Ramelow zum Beispiel in Pink, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in gediegenem Schwarz - verwandeln ihn im Laufe der Zeit in eine Art Elefantenhaut, schmutzig wirkt er und grau.

Der aktuelle Ball des Jahrs 2018 trägt schon fast 700 Unterschriften. Geht es nach "Spirit of Football" sind es zu Beginn der WM mehr als 20.000.

Es ist bereits die fünfte Reise für "The Ball" seit der Premiere 2002. Zwei Engländer machten sich damals mit Ball Nummer eins auf zur WM nach Japan und Südkorea. Seit 2005 ist der Neuseeländer Andrew Aris dabei, den das Studium nach Thüringen führte. Er gründete "Spirit of football". Inzwischen ist um ihn ein bunter Verein gewachsen: Männer und Frauen, Studenten und Freiberufler, gebürtige Deutsche und Menschen, die noch nicht lange in Europa leben. Neben Deutsch wird deshalb auch viel Englisch gesprochen.

Ball Nummer fünf hat in den ersten zwei Wochen schon einiges erlebt: Er war in Liverpool bei Jürgen Klopp, durfte in Belgien zu einem Spiel der ersten Liga mit auflaufen.

"Spirit of football" ist anerkannter Träger der Jugendhilfe. Gekickt wird darum oft an Orten, die als problematisch gelten. Auch die etwas 20.000 Kilometer lange Reise nach Moskau führt nicht durch freundliche Gegenden. Da zählt der Kick in Gelsenkirchen vor dem Derby mit den Dortmundern eher noch in den Bereich der Folklore.

In Jordanien hingegen können die Erfurter auf royalen Beistand vertrauen. Der Bruder des Königs ist dort ihr wichtigster Verbündeter. Das Land im Nahen Osten wird einer der emotionalen Höhepunkte der Reise, glaubt man bei "Spirit of football": Schon einmal haben die Aktivisten dort in Azraq ein Camp mit syrischen Flüchtlingen besucht, fast 40.000 Menschen.

Andrew Aris öffnet auf seinem Smartphone ein Video. Kinder und Erwachsene, Betreuer und internationale Helfer sind zu sehen. "Kurat wahidat, ealam wahid", so klingt es, was sie rufen. "One Ball, one World" auf Arabisch, übersetzt lachend der Erfurter - ein Ball, eine Welt.

epd ost dl/bas mg

Von Dirk Löhr (epd)