Ethik
Digitalisierung fordert Archive heraus
Stasi-Unterlagen-Beauftragter Jahn würdigt Bedeutung historischer Quellen
Dresden (epd). Sächsische Archive sind sehr unterschiedlich auf Herausforderungen der Digitalisierung eingestellt. Während vor allem staatliche Archive ihre Onlineangebote ausbauen, gebe es bei manchen regionalen Archiven "nicht mal eine Webseite", sagte die Vorsitzende des Landesverbandes der Archive in Sachsen, Grit Richter-Laugwitz, am Donnerstag in Dresden. Damit seien sie "noch weit weg von modernen Standards". Zudem fehle es in den Regionen oft an Fachpersonal.

In Dresden findet noch bis Freitag der 22. Sächsische Archivtag statt. Rund 150 Teilnehmer diskutieren unter dem Motto "Archive im Umbruch". Im Fokus steht das Archiv als "Hüter und Vermittler authentischer Informationen". Mit zunehmender Digitalisierung stehen Archive vor neuen Herausforderungen wie etwa gemeinsamen Rechercheportalen.

Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, würdigte die Arbeit an historischen Quellen als einen notwendigen Teil der Medienkompetenz. Der Umgang mit Archivbeständen schaffe überhaupt erst "ein Bewusstsein für die Aussagekraft von Dokumenten", sagte Jahn auf der Tagung in Dresden. Zur Medienkompetenz gehöre auch der Archivumgang.

Dazu habe seine Behörde verschiedene Schülerprojekte auf den Weg gebracht. Zudem biete die "Stasi-Mediathek" auch Jugendlichen die Möglichkeit der Recherche im Netz. Auf dem Weg zur Digitalisierung bietet die Stasi-Unterlagen-Behörde jetzt die Möglichkeit der Online-Antragsstellung zur Akteneinsicht an. Auch Akten sollen - wenn möglich - digital bereitgestellt werden.

Zugleich verwies der Bundesbeauftragte auf die gesellschaftliche Bedeutung der Archive. "Das Bewusstsein für die Kultur des Erinnerns ist noch nicht bei allen angekommen", betonte er. Archive seien "keine verstaubten Keller mehr. Wir sind das Gedächtnis einer Nation", fügte Jahn hinzu.

Im Sächsischen Staatsarchiv komme längst nicht mehr nur Papier, sondern auch digitales Material an, sagte Staatsarchivdirektorin Andrea Wettmann. Das Archiv verfüge seit 2013 über ein elektronisches Archiv, das sich noch im Aufbau befindet. Ein bis zwei Prozent der von den Behörden bereitgestellten elektronischen Akten und Daten würden jährlich dort einfließen

Zudem solle das analoge, bis ins Jahr 948 zurückgehende Archivgut zunehmend online zugänglich sein. Dazu würden auch von historischen Originalen digitale Abbilder angefertigt. Derzeit sind Wettmann zufolge etwa 60 Prozent der rund sechs Millionen Archivalien in einer Datenbank erfasst, 30 Prozent seien zudem online verfügbar.

Das sächsische Archivgedächtnis umfasst rund 110 Kilometer laufende Akten. Die Stasiunterlagen bezifferte Jahn auf rund 111 Kilometer Aktenlänge. Auch nach der Digitalisierung sollen die historischen Akten sowohl im Sächsischen Staatsarchiv als auch im Stasi-Unterlagenarchiv im Original erhalten bleiben.

Eine bundesweite Umfrage hatte für Sachsen ergeben, dass nur etwa 43 Prozent der Stellen in den sächsische Archiven fachlich adäquat besetzt sind. Zudem gebe es "ganz oft Ein-Mann- oder Ein-Frau-Archive", sagte Richter-Laugwitz. Es fehle damit auch an Personal für die notwendige Digitalisierung. Doch ohne Onlinezugang und digitalen Akten fehlten dem Nutzer dann auch Daten aus den Regionen zu einem bestimmten Thema, beispielsweise die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit.

epd ost kr bue