Soziales
Der Schritt aus dem Schatten
Eine Frau aus Mecklenburg-Vorpommern kämpft für die Entschädigung von DDR-Heimkindern
Greifswald (epd). Sie sollte für immer schweigen. Doch vor zwei Jahren veröffentlichte Heidemarie Puls dann doch ein Buch über ihre Leidensgeschichte in den Jugendwerkhöfen der DDR. Seit Dezember ist sie zudem Vorsitzende des neugegründeten Interessenverbandes Heimkinder Mecklenburg-Vorpommern. Die 54-Jährige vertritt das Bundesland in der Arbeitsgruppe des Bundes, die Ende März Vorschläge für eine Entschädigung der DDR-Heimkinder vorlegen will.

Auf dem Titel ihres Buches sieht man eine junge Frau mit kahl rasiertem Kopf, großen Augen und aufeinander gepressten Lippen. "Die Erzieher haben mich in Torgau gebrochen, um anschließend Stück für Stück eine sozialistische Persönlichkeit aufzubauen", sagt Heidemarie Puls. Der dortige Jugendwerkhof war das berüchtigtste DDR-Heim. Zwischen 1964 und 1989 waren in der Einrichtung schätzungsweise 4.000 Jungen und Mädchen zwangsweise untergebracht.

Wäre es nach den Verantwortlichen gegangen, hätte sie die Schläge, die sexuelle Gewalt, den Sport bis an den Rand der Folter, Isolationshaft und den militärischen Drill für immer in die hinterste Ecke ihres Bewusstseins verbannt. Dafür hätte es vielleicht gar nicht des Schweigegelübdes bedurft, das sie 1974 als 17-Jährige unterschrieb, um Torgau endlich hinter sich zu lassen. Denn ihre Angst, sich den Gefühlen der sechs Monate im Jugendwerkhof zu stellen, wog so schwer, dass Heidemarie Puls sich nicht einmal ihrem späteren Mann offenbarte.

Ihre Geschichte beginnt, als der alkoholkranke Stiefvater die Elfjährige 1968 in der mecklenburgischen Kleinstadt Neukalen vergewaltigt. Die Mutter reagiert lieblos und überfordert. Kein Erwachsener schaut hinter die Fassade des Mädchens, niemand macht sich die Mühe nachzufragen. Nach einem Selbstmord- und mehreren Ausreißversuchen wird sie ins Heim geschickt.

Wieder und wieder versucht sie wegzulaufen. Es folgt eine Odyssee von einem Heim zum nächsten, Endstation ist der Jugendwerkhof Torgau. Hinter seinen Mauern sind die Jugendlichen der Willkür der "Erzieher" ausgeliefert, Stacheldraht, Wachtürme und scharfe Hunde machen jede Flucht unmöglich.

"Nach meiner Entlassung habe ich funktioniert", sagt Heidemarie Puls. Sie verbrennt alle Papiere. Erfindet ihre Jugend neu. Versucht zu vergessen. Sie denkt nicht mehr daran, wie die Erzieher sie immer wieder mitten in der Nacht den Flur reinigen ließen, bis sie vor Verzweiflung begann, das Putzmittel auszutrinken. Nicht an die dreifache Portion Essen, die ihr aufgezwungen wurde. Nicht an den Rohrstock mit dem man sie bewusstlos schlug. Und auch nicht an den Erzieher, der sie unter einem Vorwand zu sich ins Büro rief, um sie sexuell zu misshandeln.

Heidemarie Puls heiratet, arbeitet, bekommt drei Kinder. Sie leidet unter Waschzwang und Bulimie, begeht bis 1989 mehrere Suizidversuche. "Für mich war die Mauer auch eine Mauer des Schweigens, dahinter wartete das Leben", sagt sie. 1998 macht sie eine erste Therapie, 2004 beginnt sie an ihrem Buch zu schreiben. 2009 wird "Schattenkinder hinter Torgauer Mauern" veröffentlicht. Es ist weniger ein literarisches Werk, als ein zeitgeschichtliches Dokument.

Ein Jahr zuvor richtete der Petitionsausschuss des Bundestages einen Runden Tisch ein, um die Zustände in den Kinderheimen der frühen Bundesrepublik zu untersuchen und präsentierte Ende 2010 einen Abschlussbericht. "Ich war so enttäuscht", sagt Puls, "die Geschichte der Heimkinder der DDR spielte in der öffentlichen Debatte überhaupt keine Rolle. Dabei hatte ich doch schon geredet! Ich dachte: Wieder hört mir niemand zu!"

Puls nahm sich vor, noch lauter zu werden. Wer immer will, bekommt fortan ihre Geschichte erzählt. Puls nennt das "nackig machen". Sie gibt Interviews, tritt in einer RTL-Fernsehreportage auf und veranstaltet Lesereisen.

Der Oberarzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Greifswalder Universitätsklinik, Philipp Kuwert, hält gesellschaftliche Anerkennung für eine Grundvoraussetzung, damit Traumatisierte ihre Erlebnisse verarbeiten können. "In den meisten Opfergruppen gibt es ein paar wenige, die den Weg an die Öffentlichkeit gehen", sagt er. "Vielleicht auch für die anderen, die es selbst nicht schaffen."

epd ost al jh

Anke Lübbert (epd)