Kirche
"Der Komplex schwamm"
In Leipzig wurde die alte Propsteikirche weitgehend abgerissen
Leipzig (epd). Mannshoch türmt sich der Schutt. Zwei Bagger wühlen schnaufend durch die Trümmerteile, laden Gesteinsbrocken auf einen Lastwagen. Die alte Propsteikirche in Leipzig: Sie ist Geschichte. 1982 errichtet, wurde das seit 2015 unter Denkmalschutz stehende katholische Gotteshaus in den letzten Wochen abgerissen. Einzig der Glockenturm ragt noch in die Luft. Wie ein mahnend erhobener Zeigefinger steht er am Rand des Trümmerfelds. Hoch oben am Turm glitzert noch ein vergoldetes Kreuz in der Wintersonne.

"Der Turm muss bleiben", sagt Thomas Noack vom sächsischen Landesamt für Denkmalpflege. Und "solange er so stehenbleibt, wie er steht, gibt es auch keine Auflagen", ergänzt sein Kollege Ralf Eschenbrücher vom Leipziger Denkmalamt. Der Abriss des übrigen Komplexes gehe in Ordnung, erklärt Eschenbrücher: Der neue Eigentümer, eine Immobilienfirma, habe "nachgewiesen, dass eine Sanierung nicht wirtschaftlich ist". Das Gebäude hätte "von Grund auf saniert werden müssen", sagt Eschenbrücher.

"Ich kann das gut nachvollziehen", sagt Gregor Giele. Der Propst der katholischen Propsteigemeinde St. Trinitatis hat rund ein Jahrzehnt in dem Gebäudekomplex gelebt und viele Messen in der alten Kirche gefeiert. Immer wieder habe die Gemeinde "exorbitante Summen" in Reparaturen investieren müssen: "Der Komplex schwamm und hatte permanente Schäden."

Der Grund: Kirche, Gemeindesaal, Verwaltungsgebäude und Wohnhaus wurden zu DDR-Zeiten auf sumpfigem Gelände nördlich der Innenstadt am Rosental errichtet - und auch das erst nach zähem Ringen mit der kirchenfeindlichen Staatsführung, abseits der Innenstadt, finanziert durch Spenden. Und so provozierte der ungeeignete Untergrund immer wieder Schäden. Später kamen auch noch Klagen von Anwohnern wegen angeblicher Asbestverseuchung hinzu. Tatsächlich wurden laut Propst Giele auf rund 20 Quadratmetern unterhalb des Altarbereichs belastete Platten verbaut.

Vor bald drei Jahren entschloss sich die Gemeinde zum Umzug: Am 9. Mai 2015 wurde die neue Propsteikirche geweiht. Sie steht in prominenter Lage am Südrand der Innenstadt. Die alte Kirche wurde kurz vorher entweiht. Seither stand sie leer, die Gemeinde suchte nach einem Käufer.

Wenig später ließ die Landeskonservatorin das Inventar der Kirche überprüfen - und stellte es mit dem gesamten Komplex überraschend unter Denkmalschutz. Einer der Gründe war die Sakralkunst Achim Kühns, darunter ein Altar, Tabernakel und Leuchter. "Das war ein Gesamtkunstwerk", sagt Eschenbrücher.

Die Auflagen des Denkmalschutzes erschwerten den Verkauf; im Sommer 2016 fand sich trotzdem ein Käufer. Für einen siebenstelligen Betrag wechselte der Komplex mit rund 5.000 Quadratmetern Grund den Besitzer. Dieser habe Kühns Kunst nun "eingelagert", sagt Eschenbrücher. Zu sprechen ist der neue Eigentümer nicht: Termine. Dem Vernehmen nach sollen auf dem attraktiven Grundstück zwischen Zoo und Altstadt jedoch Wohnungen gebaut werden.

Wenn eine Kirche abgerissen werde, sei das immer traurig, sagt Propst Giele. Da sei "viel Demut dabei". Auf der anderen Seite habe er aber auch "das Gefühl, es findet etwas seinen Abschluss, und das ist in Ordnung". Dass der Turm erhalten bleibt, findet Giele jedenfalls "super": "Wir haben einen Erinnerungsort, die Kirche ist nicht vom Erdboden verschluckt." Und auch, dass das "schöne Kreuz" erhalten bleibe, freue ihn sehr.

Auch in der neuen Kirche wird ein Teil der alten fortleben: Zwei der vier alten Glocken seien eingeschmolzen und zu drei neuen Glocken gegossen worden, sagt Giele. Zusammen mit den übrigen Originalglocken sollen sie am 5. Mai geweiht und zwei Tage später in den Turm der neuen Propsteikirche gehängt werden.

Anders die Orgel der alten Kirche: Auch sie war zwar einst Teil der Begründung, warum der Komplex unter Denkmalschutz gestellt wurde. Jedoch wurde sie laut Eschenbrücher vor zwei Jahren durch Vandalismus zerstört.

Giele erzählt es etwas anders: Es habe zwei Kaufinteressenten für die Orgel gegeben. Der Verkauf sei jedoch an der Auflage des Denkmalamtes gescheitert, die Orgel müsse in der Kirche bleiben. Es habe dann "jede Woche ein bis zwei Einbrüche" in die Kirche gegeben, so Giele: "Am Ende war es Vandalismus, ja; aber die Orgel hätte nicht mehr drin sein müssen."

epd ost sue bue

Von Johannes Süßmann (epd)