Soziales
Bahnhofsmission fordert psychologische Betreuung für Obdachlose
Berlin (epd). Nach einem erneuten Gewaltvorfall an der Berliner Bahnhofsmission am Zoo fordert der Leiter der Einrichtung eine bessere krisenpsychologische Betreuung für Obdachlose in der Bundeshauptstadt. Viele der Wohnungslosen seien psychisch krank und hätten zugleich keinerlei Chance auf eine Betreuung oder Behandlung, sagte Bahnhofsmissionsleiter Dieter Puhl am Mittwoch in Berlin dem Evangelischen Pressedienst (epd). Das müsse sich auch angesichts der ständig wachsenden Anzahl von Obdachlosen in Berlin unbedingt ändern. Schätzungen zufolge leben in Berlin derzeit etwa 8.000 Menschen auf der Straße.

Puhl fordert die Krisendienste personell massiv aufzustocken, um zumindest eine psychiatrische Grundversorgung in der Stadt zu gewährleisten. Von den 700 Gästen, die täglich von der Bahnhofsmission am Zoo versorgt werden, seien 695 nicht problematisch. Die anderen fünf befänden sich in einem Zustand "höchster Verwirrtheit" und bräuchten dringend eine Behandlung.

Am Wochenende war es während der Essenausgabe an der Bahnhofsmission in der Jebensstraße zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen einer Gruppe von Gästen gekommen. Auslöser war eine obdachlose Frau, die aus der Kleiderkammer eine neue Jacke haben wollte. Das wurde ihr verwehrt, weil sie bereits eine Jacke trug. Die Frau holte sich daraufhin den Angaben zufolge Verstärkung von acht Männern, die die Bahnhofsmission stürmen wollten und die dort tätigen Helferinnen bedrohten. Als zwei andere Gäste schlichten wollten, eskalierte der Streit und es flogen Fäuste und Flaschen und ein Messer wurde gezückt. Die Polizei rückte mit 25 Beamten an und konnte die Situation wieder beruhigen.

Es war bereits der dritte Einsatz dieser Größenordnung innerhalb von zwei Monaten, sagte Puhl. Er warnte davor, das Problem an die Polizei auszulagern. "Polizisten sind nicht für psychisch Kranke zuständig." Insgesamt registriert Puhl eine steigende Tendenz bei Übergriffen von Obdachlosen.

Über die Konsequenzen aus dem Gewaltvorfall werde derzeit beraten, sagte Puhl weiter. Bis einschließlich Sonntag erfolge die Essenausgabe zunächst nur noch aus dem Fenster heraus und nicht mehr im Speisesaal der Bahnhofsmission. Die Einstellung von Wachschützern wie in Notunterkünften sieht er skeptisch. Das wäre zum einen eine Kostenfrage und es würde die Atmosphäre vor Ort beeinträchtigen. Stattdessen sollten im Berliner Innenstadtbereich mehr Angebote für Obdachlose wie die Bahnhofsmission geben. Das würde einiges entzerren.

Auch der Humanistische Verband (HVD) forderte am Mittwoch den Ausbau dezentraler Versorgungsstrukturen für Wohnungslose in Berlin. In der Hauptstadt erhielten Wohnungslose aktuell in zehn Einrichtungen eine niedrigschwellige medizinische Versorgung. Das sei viel zu wenig angesichts des wachsenden Bedarfs, hieß es. Der HVD betreibt eine Arztpraxis für Obdachlose am Bahnhof Lichtenberg. Allein 2016 hätten dort 2.600 ärztliche oder zahnärztliche Behandlungen stattgefunden.

epd ost mg phi