Kirche
Abendgebet beim Europaeischen Taizé-Jugendtreffen am Freitag.
© epd-bild / Rolf Zöllner
Ausdauernd für Solidarität
Das Jugendtreffen der Taizé-Bruderschaft in Berlin will Diskussion über gemeinsame Werte in Europa entfachen
Berlin (epd). Das alte Jahr hat nur noch eine halbe Stunde. Vor einer Kirche im Berliner Wedding knallen die Böller. Im Minutentakt gehen hunderte Euro mal mit, mal ohne Funkeln in die Luft. In der Kirche beten rund 200 Menschen für eine gerechtere Verteilung der Güter und Solidarität auf der Welt. Wie auf einer Insel im alljährlichen Silvesterfieber der Bundeshauptstadt starten sie auf ihre Art ins neue Jahr: andächtig, singend, mit einer Kerze in der Hand.

Fünf Tage lang waren 20.000 Christen aus dem In- und Ausland in Berlin zu Gast. Dazu gesellten sich rund 10.000 Teilnehmer aus der Hauptstadt. Zentrales Thema des Glaubensfestes der ökumenischen Bruderschaft aus Frankreich war Solidarität. Täglich aufs Neue formulierten die jungen Menschen im Gebet ihren Wunsch nach einem Europa, das nicht nur von Wirtschaftsaufschwung, Finanzmarkt und Euro zusammengehalten wird. Man müsse aufpassen, dass "der wirtschaftliche Aspekt den Menschen nicht ausschöpft", appellierte der Prior der Bruderschaft, Bruder Alois.

Die Hauptstadt zeigte sich indes doch noch als guter Gastgeber, nachdem zuerst nicht genügend Gastfamilien gefunden wurden und rund 4.000 Teilnehmer in Gemeindehäusern, Schulen und Kindergärten unterkommen mussten. Tania aus Kroatien ist begeistert von der Offenheit der Stadt. Tomislav lobt die Organisation: "Man kann gar nicht verloren gehen."

Bruder Alois freute sich indes, dass das Treffen auch bei vielen Nichtchristen Resonanz gefunden habe. In Berlin gehört nur jeder dritte Einwohner einer Kirche an. Die Geschichte der Stadt mit ihrer 40-jährigen Teilung sollte für die Jugendlichen Gelegenheit sein, über Mauern nachzudenken.

"Die Situation muss so verrückt gewesen sein", sagt die 21-jährige Anna aus Polen nach einem Besuch in der Gedenkstätte Berliner Mauer. "Mich hat es zum Nachdenken darüber gebracht, wie Menschen heute Mauern zwischen sich errichten", sagt die Studentin, die schon einige Male bei den Europäischen Jugendtreffen dabei war. "Polen sind ja sehr patriotisch", sagt sie. "Toleranz habe ich erst durch Taizé gelernt", fügt sie an.

Auch bei Besuchen in einer Moschee und bei der Jüdischen Gemeinde, bei der Diskussion mit Bundespolitikern im Reichtstagsgebäude und älteren Menschen im Roten Rathaus ging es um Mauern. Die 22-jährige Maria aus der Ukraine, die zuvor noch nie im Ausland war, ist erstaunt, wie gut die Kommunikation zwischen Menschen gelingt, selbst wenn sie nicht die gleiche Sprache sprechen. "Dass wir den gleichen Glauben haben, ist sehr hilfreich", sagt sie.

Das nächste Mal treffen sich junge Christen aus vielen Nationen und jeglicher Konfession dann zum Jahreswechsel 2012/13 in Rom. Wie Tausende andere quittiert Anna die Verkündung dieser Entscheidung am Freitagabend mit Jubel und minutenlangem Applaus. "Da will ich unbedingt hin", sagt sie.

Immerhin seien die Tage des Taizé-Treffens auch ein günstiger Urlaub. Um das Treffen zu finanzieren, ist die Bruderschaft auf Spenden angewiesen. Auch Berlin hat das Fest Bruder Alois zufolge finanziell unterstützt. Die Teilnehmer müssen indes einen relativ kleinen Beitrag entrichten, der je nach Wohlstand des Herkunftslandes gestaffelt ist. Die Warschauerin Anna musste 55 Euro bezahlen.

Die Entscheidung für Rom sei auch im Geist der Solidarität gefallen, sagte Bruder Alois. Italien sei in einer wirtschaftlich sehr schwierigen Situation. Da sei es gut, wenn sich die europäische Jugend dort versammle.

Gleichzeitig kündigte der Prior eine "Versammlung für Solidarität" für August 2015 an. Bis dahin soll das Thema alle Treffen der Bruderschaft begleiten. Es sei wichtig, sich viel Zeit für diese brennende Frage zu nehmen, sagte Bruder Alois, "weil man nichts ohne eine gewisse Dauer aufbauen kann".

epd ost co/phi mg

Von Corinna Buschow