Ethik
Stephen Hawking wird 75
Hamburg (epd). "Ich bin ein zufriedener, glücklicher Mensch", schrieb Stephen Hawking vor drei Jahren in seiner Autobiografie. Dabei wurde bei ihm schon vor über 50 Jahren die tückische ALS-Krankheit diagnostiziert - Amyotrophe Lateralsklerose, ein unheilbares Leiden mit Rückbildung der Muskulatur und des Nervenssystems. Seit 1970 sitzt er im Rollstuhl, 1985 verlor er seine Stimme. Beides hinderte ihn nicht, einer der berühmtesten Astrophysiker der Welt zu werden. Am 8. Januar wurde er 75 Jahre alt.

Hawking hält unentwegt Vorträge, schreibt internationale Bestseller und kommentiert das aktuelle politische Geschehen - oft mit provozierenden Thesen. Die Suche nach intelligentem, außerirdischem Leben lohne sich durchaus, unkte er wiederholt. Denn es sei fraglich, ob es dies auf dem Planeten Erde gebe. Dass die Weltgemeinschaft dem Bürgerkrieg in Syrien tatenlos zuschaue, nannte er mehrfach eine "Abscheulichkeit".

Als das britische Oberhaus über Sterbehilfe diskutierte, trat Hawking vehement für das Recht jedes Menschen ein, sein Leben beenden zu dürfen - er selbst tat es nicht. Ende November 2016 hatte er eine Privataudienz bei Papst Franziskus - Hawking ist Mitglied der päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Kurz darauf wurde der Mann, der ohnehin rund um die Uhr betreut werden muss, wegen eines "Unwohlseins" für wenige Tage in ein römisches Krankenhaus eingeliefert.

Geboren wurde Hawking am 8. Januar 1942 in Oxford. Seine Eltern waren kurz zuvor aus London geflüchtet, um den deutschen V2-Raketen zu entgehen. Die Mutter war Wirtschaftswissenschaftlerin, der Vater Tropenmediziner. Stephen sollte als ältester Sohn in seine Fußstapfen treten, hatte aber wenig Lust zur Biologie. Er spielte Fußball, bastelte Rechenmaschinen aus Elektroschrott und erfand Brettspiele. Er war ein mittelmäßiger Schüler, aber gut in Mathematik. Die Aufnahmeprüfung in Oxford bestand er mit Auszeichnung.

Anfangs deutete nichts auf Beschwerden hin. Hawking studierte theoretische Physik mit dem Schwerpunkt Kosmologie. Im Ruderclub der Universität wurde er Steuermann im Oxford-Achter. Doch parallel zum Examen 1962 ("sehr gut") zeigten sich bei dem nach Cambridge gewechselten Doktoranden erste Muskelbeschwerden. 1963 diagnostizierten die Ärzte das tückische ALS.

Trotz ungünstiger Lebenszeit-Prognosen heiratete Hawking 1965 und bekam drei Kinder. Ende der 60er Jahre beschränkte der Rollstuhl seinen Wirkungskreis. Gemeinsam mit dem Physiker Roger Penrose arbeitete er an Urknall-Theorien über den Anfang von Raum und Zeit. In den 70er Jahren wandte er sich den "Schwarzen Löchern" zu und konnte zeigen, dass sie einen Rest von Strahlung abgeben. Diese 1974 veröffentlichte "Hawking-Strahlung" brachte ihm Weltruhm ein.

1979 wurde Hawking in Cambridge mit dem Lukasischen Lehrstuhl für Mathematik betraut, den einst auch Isaac Newton innehatte. In den 80er Jahren entwickelte er die Idee eines grenzenlosen Universums ohne Rand und ohne Anfang. Zugleich begann er eine beispiellose Karriere als Medienstar: Für die Rechte an einem populären Astronomiebuch zahlte ein Verlag in New York 250.000 US-Dollar. Das Buch erschien im April 1988: "Eine kurze Geschichte der Zeit". Es wurde in über 40 Sprachen übersetzt und erreichte eine Auflage von weltweit über zehn Millionen Exemplaren.

Vorträge, Interviews, TV-Auftritte und Titelgeschichten internationaler Magaziner folgten. Hawking spielte in einer "Star Trek"-Folge mit und absolvierte einen Parabel-Flug in der Schwerelosigkeit. 1993 erschien "Einsteins Traum", 2001 "Das Universum in der Nussschale", 2010 "Der große Entwurf" und 2013 seine Autobiografie "Meine kurze Geschichte".

Gesundheitlich verlief die Erfolgskurve genau entgegengesetzt. 1985 bekam Hawking eine Lungenentzündung und drohte zu ersticken. Der rettende Luftröhrenschnitt kostete ihn die Stimme. Seitdem kommuniziert der Physiker mit einem Sprachcomputer, den er anfangs noch mit zwei Fingern bewegen konnte. Mittlerweile dirigiert er ihn mit den Augen.

Gerühmt wird der Humor des Genies mit dem Handicap. Sein rasanter Fahrstil fehlt in keiner Biografie. Auch andere Professoren hätten Lehrstühle, aber seiner sei motorisiert, witzelte er. Und nie sei er in Versuchung gekommen, seine Zeit mit Joggen oder Golfspielen zu vertrödeln.

Die Behinderung habe seine wissenschaftliche Arbeit "nicht wesentlich beeinträchtigt", schreibt Hawking über sich selbst. "Ich brauchte keine Vorlesungen zu halten und keine Studienanfänger zu unterrichten." Auch an "langweiligen und zeitraubenden Institutssitzungen" habe er nicht teilnehmen müssen. Behinderte Menschen, schrieb er, sollten sich "auf die Dinge konzentrieren, die ihnen möglich sind, statt solchen hinterherzutrauern, die ihnen nicht möglich sind."

Klaus Merhof (epd)