Soziales
IS-Opfer ruft Schleswig-Holsteiner zur Solidarität auf
Kiel (epd). Die UN-Sonderbotschafterin für die Würde der Überlebenden des Menschenhandels, Nadia Murad, hat Schleswig-Holsteins Bürger zur Solidarität mit den Opfern der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) aufgerufen. "Ich bitte Sie, die Menschen in Schleswig-Holstein, die Kirchen, die Politiker und die Zivilgesellschaft, an unserer Seite zu sein und Gerechtigkeit einzufordern", sagte die 24-jährige Jesidin im Kieler Landeshaus. Der IS müsse zur Rechenschaft gezogen werden "für seine Verbrechen gegen alle unschuldigen Menschen".

Konkret forderte Murad mehr Einsatz und Finanzen für Extremismusprävention. Weiter verlangte sie die uneingeschränkte Gewährung von Asyl für alle Jesiden und einen gesellschaftlichen breit angelegten Einsatz dafür, IS-Kämpfer vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag (Niederlande) zu stellen.

Die Jesidin weiß, wovon sie spricht. Sie wurde am 3. August 2014 vom IS aus ihrem Heimatdorf Kocho in Sindschar (Irak) entführt und geriet für drei Monate in Mossul in Gefangenschaft. Während dieser Zeit wurde sie mehrfach vergewaltigt und gefoltert. Murad gelang von Mossul aus die Flucht mit Hilfe einer muslimischen Familie in ein Flüchtlingslager im kurdischen Grenzgebiet nahe Dohuk.

Im März 2015 erfuhr die Jesidin in dem Lager von einem Programm in Baden-Württemberg, das etwa 1.000 traumatisierten Frauen und Kindern aus dem Nordirak helfen sollte. Murad meldete sich und ihre Schwester dazu an. Bei dem Überfall auf ihr Dorf durch IS-Terroristen hatte sie ihre Mutter und sechs Brüder verloren. Insgesamt starben 18 Mitglieder ihrer Familie. Murad kämpft seit Ende ihrer Gefangenschaft und ihrer Flucht nach Deutschland für die Anerkennung des Völkermordes an den Jesiden und die Befreiung weiterer jesidischer Gefangener aus der Gewalt der Terrormiliz.

Murad verwies auf Videos von IS-Kämpfern. Diese würden beweisen, "dies ist ein Genozid an meinem Volk, weil wir einen anderen Glauben haben". "Dieser Völkermord geschah und geschieht im Töten tausender Männer, in der Entführung und Versklavung tausender jesidischer Frauen, im gewaltsamen Raub von Kindern und jungen Männern, die einer Gehirnwäsche unterzogen werden", beklagte sie. Für die mehr als 2.000 IS-Überlebenden in den Zeltlagern in Kurdistan-Irak gebe es keine ausreichende psychologische und humanitäre Hilfe.

Murad setzt sich für die Einrichtung einer Sicherheitszone für Jesiden, Christen und andere religiöse Minderheiten im Irak und in Syrien ein. Dies sei der einzige Weg, damit die schutzbedürftigen Minderheiten an ihren Orten leben können. "Wenn sich mein Volk nicht sicher fühlen kann, wird Versöhnung in der gegenwärtigen Situation nicht möglich sein", betonte die UN-Sonderbotschafterin. Deutschland kenne die Schrecken eines Völkermordes und sollte seine Stärke nutzen, um so etwas nie wieder zuzulassen.

In der anschließenden Diskussion erklärte der Bundestagsabgeordnete Johann Wadephul (CDU), nach Ruanda und Srebrenica sei der Genozid an den Jesiden der dritte Völkermord in der jüngeren Geschichte. "Das Leid dieser Menschen ist ein Weckruf für die Völkergemeinschaft, sich in Zukunft noch mehr für die Verhinderung dieser Verbrechen einzusetzen."

Sylvia Wähling, Leiterin des Menschenrechtszentrums Cottbus, machte deutlich, dass es nicht erst eine Lösung durch die internationale Gemeinschaft geben müsse. Sie forderte Partnerschaften zwischen Städten in Deutschland, in denen geflohene Christen und Jesiden aus der Ninive-Ebene und dem Shingalgebirge leben, und den Orten ihrer alten Heimat.

Gemeinsame Veranstalter waren unter anderem die Parlamentarische Gesellschaft Schleswig-Holstein, Nordkirche, Bischofskanzlei Schleswig, Frauenwerk, Christian Jensen Kolleg und die Evangelische Akademie. Es gehe, so Bischof Gothart Magaard, um das Selbstverständnis in Kirche und Gesellschaft "im Angesicht des entfesselten Terrorismus in Syrien und in so vielen anderen Ländern unserer Welt". Landtagspräsident Klaus Schlie (CDU) würdigte den Einsatz von Murad für ihr Volk: "Mit Ihrer Arbeit zeigen Sie außerordentlichen Mut und große Zivilcourage."