Ethik
Fuer einen offenen Umgang mit dem Thema Depressionen wirbt die bundesweite "Mut-Tour", die am Montag (10.07.179 am Bremer Marktplatz gestartet ist (Foto).
© epd-bild / Alasdair Jardine
Zurück ins Leben
"Mut-Tour" wirbt für offenen Umgang mit Depressionen
Bremen (epd). Die tiefliegenden Tandems sehen schnittig aus und fallen mit ihren robusten weißen Rahmen und dem Aufdruck "mut-tour.de" gleich auf. Und sie sind echte Lastesel. "Mit Gepäck und Besatzung kommen da schon bis zu 250 Kilo zusammen", schätzt Sebastian Burger. Der 37-Jährige ist Initiator der "Mut-Tour", die am Montag vom Bremer Marktplatz aus gestartet ist. Zunächst auf Rädern und später auch in Zweier-Kajaks und zu Fuß bewegen sich die Teilnehmer des Aktionsprogramms bis zum 26. August durch Deutschland und werben dabei für einen offenen Umgang mit der Depression als Erkrankung.

Unter den Aktiven sind Menschen, die aus Solidarität zum Thema mitfahren und solche, die bereits Erfahrungen mit Depressionen gemacht haben. "Alle zusammen erleben, wie leistungsdruckfreier Sport, Struktur, Natur und Gemeinschaft die Stimmung heben", sagt Burger, der erstmals vor fünf Jahren eine Tour gestartet hat. Bis heute haben sich 126 depressionserfahrene und -unerfahrene Frauen und Männer beteiligt und dabei mehr als 22. 000 Kilometer zurückgelegt.

In diesem Jahr sollen in Trägerschaft der Deutschen Depressionsliga als bundesweit engagiertem Betroffenenverband auf dem Weg durch die meisten Bundesländer noch einmal 3.200 Kilometer dazukommen. 45 Teilnehmer haben sich angemeldet.

Unter ihnen ist auch Maria (38), die nach der Geburt ihres Kindes und einige Jahre später depressive Phasen erlebt hat. Die sportliche Frau schätzt den heilsamen Beitrag der Bewegung in Gemeinschaft und besonders die Idee, mit Tandems loszufahren. Die Tour auf den Rädern tut ihrer seelischen Gesundheit gut, auch, weil sie über Krisen hinweghilft. "Gibst du nicht auf, geb ich nicht auf - es geht darum, den Alltag mit der Hilfestellung anderer zu bewältigen", sagt sie und meint damit nicht nur den Radweg bergauf.

Nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe gehören Depressionen zu den häufigsten und am meisten unterschätzten Erkrankungen. Bundesweit sind etwa jede vierte Frau und jeder achte Mann im Laufe des Lebens von einer Depression betroffen. Insgesamt erkranken demnach in Deutschland jährlich mehr als fünf Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen Depression, die oft aber nicht gut therapiert wird. Die große Mehrheit der jährlich etwa 10.000 Suizide und rund 150.000 Suizidversuche in Deutschland passiert vor dem Hintergrund einer nicht optimal behandelten Depression.

"Seit vier Jahren geht es mir sehr gut", sagt Maria, die glücklich darüber ist, dass sie sowohl in ihrem privaten wie in ihrem beruflichen Umfeld offen mit ihrer Krankheit umgehen kann. "Es ist ein Jammer, dass das oft nicht möglich ist", sagt sie. Bei ihr im Betrieb gebe es keine Missgunst, keine verurteilenden Kollegen, niemanden, der sie schneide, weil sie "eine Macke" habe. "Das ist ein großer Luxus", betont die junge Frau, die schon mehrfach an der "Mut-Tour" teilgenommen hat.

Das Tabu brechen, über die Krankheit reden, gegen die Stigmatisierung depressiver Menschen angehen - das sind Ziele der Tour, die Sebastian Burger ins Leben gerufen hat, nachdem er selbst erlebt hat, wie es einer Freundin ging, die 2007 an einer Depression erkrankte. Sie fürchtete um ihren Job. Viele Betroffene verlören Freunde und gerieten sozial in die Isolation, was die Krankheit zusätzlich verstärke, warnt er.

"Das Stigma, dem sie damals ausgesetzt war, hat mich empört", sagt Burger, der in einer seelischen Krise selbst schon den wohltuenden Einfluss von Bewegung in der Natur erlebt hat. "Depression ist beschissen, ja. Aber man kann damit leben - das wollen wir an die große Glocke hängen", betont er.

Das unterstützt auch Willi Lemke, ehemaliger UN-Sonderberater für Sport im Dienst von Frieden und Entwicklung. Als Schirmherr ist er zum Start auf den Bremer Marktplatz gekommen. "Über Depressionen wird nicht offen geredet, das ist furchtbar", sagt er. Da sei die Tour als mutmachende Initiative wichtig: "Wenn da Öffentlichkeit erzeugt wird, lohnt sich das hundert Mal."

Zum Auftakt radelt nun eine zwölfköpfige Gruppe in zwei Teams und auf zwei Routen zunächst einmal eine Woche los. Dann werden die Tandems wie Staffelstäbe an die nächsten Teilnehmer übergeben. "Wir kommen raus aus dem Rückzug, aus der Isolation, sorgen für uns selbst", freut sich Maria auf die Tage. Übernachtungsplätze sind keine gebucht. "Mal sehen, wo wir heute Abend landen, wir haben ja Zelte dabei", sagt sie und lächelt. Ganz schön mutig. (0084/10.07.17)

Von Dieter Sell (epd)